Die Schließung des Interimsquartiers im Handelshof, wo das Leipziger Museum der bildenden Künste seit 1989 auf kleinstem Raum Präsenz demonstrieren und Haltung bewahren musste, feierte Direktor Hans-Werner Schmidt am 30. Dezember 2003 mit einem Magenbitter. Wenn jetzt am 4. Dezember 2004 das neue Haus am Sachsenplatz eröffnet wird, könnte Mineralwasser das erste Getränk sein. Nicht weil hier zwischen hohen Wänden aus Glas und Muschelkalk und vor Eichenvertäfelungen ein Gefühl von Ärmlichkeit aufkäme. Sondern weil der Eröffnung des ersten großen Museumsbaus in einem der neuen Bundesländer, in den die Leipziger Sammlungen auf den Tag genau 61 Jahre nach der Zerstörung ihres Hauses durch einen Bombenangriff nun einziehen konnten, Anstrengungen und Nöte der ganz besonderen Art vorausgegangen sind. Zum Schluss gab es keinen Cent mehr für Werbung und PR. Dass hier eine eigenwillige, reiche Bürgersammlung nicht nur wiederzusehen, sondern neu zu entdecken ist, wird sich aber auch so herumsprechen. Gründe genug gibt es, nun doch die Sektkelche zum Klingeln zu bringen.

Schmidt ist seit 2000 Herr des Bildermuseums. Als er in das Haus ohne Haus kam, war die Entscheidung über den Neubau gefallen, en gros und en détail. Herwig Guratzsch, der Vorgänger, hatte in den Untermieterjahren um einen guten Platz für das Gebäude gekämpft, den umfassendsten Komplex des Museumsbesitzes, das Werk von Max Klinger, 1995 in einer Ausstellung gezeigt und katalogisiert und die Konditionen für die Gründung der Speck von Sternburg-Stiftung geschaffen, durch die dem Museum die schönste, wertvollste Sammlung eines Bürgers, über die in den letzten Jahrzehnten verhandelt wurde, erhalten geblieben ist.

Aber Schmidt hatte auch fremde Vorgaben geerbt, mit denen er arbeiten musste. Da braucht man gelegentlich einen Digestif. Und danach strategische Einfälle, um im vorgegebenen Rahmen ein eigenes Konzept zu entwickeln.

Farbige Leuchtblitze aus DDR-Zeiten zucken durch die Eingangshalle

Mit welcher Attitüde er sich dieser Aufgabe genähert hat, wird beim ersten Blick auf Eingangshallen und so genannte Terrassen deutlich, Verweil- und Freiräume, mit denen der Bau überreichlich gesegnet ist. Die Tatsache, dass man sie nicht wirklich für die Kunst nutzen kann, konterkarierte Schmidt mit Einfällen eigener Art. Da ist zum Beispiel in einem der hohen, verglasten Eckräume die Installation Trillerpfeife und Ghettoblaster von Bogomir Ecker montiert. Die großen, rostrot angestrichenen Dinger hängen wie Kinderspielzeug an Strippen von der Decke herunter, ein Kronleuchter von heute und Blickfang auch jenseits der Öffnungszeiten. Die Installation ergänzt sich mit einem Wahrzeichen anderer Art. Auf der Giebelwand eines Leipziger Altbaus hatte Schmidt die Neonreklame für den Isolator entdeckt, das bekannte Produkt einer Zündkerzenfabrik. Jetzt zucken die farbigen Leuchtblitze aus DDR-Zeiten an der Wand einer weiteren hohen Eingangshalle, ein knapp fünf Meter hohe Gipsstatue des David von Michelangelo aus dem früheren Kopien-Saal steht gegenüber, wie bestellt und nicht abgeholt.

Bogomir Ecker, Michelangelo und der Isolator: Drei Beispiele für den pointierten Umgang mit Luftraum. Ecker und der Isolator: Wer will, der kann auch nachdenken über Trillerpfeife und Zündkerze, Ost-Produkt und West-Werk. Ein Zusammenspiel, für das es noch Varianten gibt, denen auf die Spur zu kommen ein großes, weil irritierendes Vergnügen ist. So ist zum Beispiel in einem Raum zwischen Tintoretto und El Greco, dem Sturz des Phaeton des Manieristen Heintz und Carracis Heiligem Sebastian ein Bild des DDR-Malers Werner Tübke platziert, die Sizilianische Madonna. Wahlverwandtschaften. Und die Frage nach Geschichte und Gegenwart. Die Schmidt, bei deutlichem Attachement an die Zeitgenossen, mit subversivem Witz variiert, was dem Betrachter nicht nur Vergnügen bereitet, sondern auch seine eigenen kombinatorischen Kräfte aktiviert. Soll man es am Ende gar bedauern, dass diese Spannung beim Zusammentreffen von Daniel Richter (Gegenwart, Hamburg) und Neo Rauch (Gegenwart, Leipzig) entsorgt ist?

Gebaut wurde das neue Leipziger Museum von dem Berliner Büro Hufnagel, Pütz, Rafaelian. Ein erster, großer Auftrag, was die Architekten nicht gehindert hat, sich mehr am selbstdarstellerischen Zeitgeist ihrer Kollegen aus der Altherrenstarrsinnsriege zu orientieren als an den Vorgaben der Kunst und den Notwendigkeiten der Museumsarbeit. Wie die Kunst, so schreibt Hufnagel, unterliegt auch die Architektur "dem Zwang zur radikalen Autonomisierung, die sich auf ihre eigene Darstellung richtet". Und die ist zwanghaft gelungen.

Mit 78 Metern Länge, 41 Metern Breite und 36 Metern Höhe hat der Bau durchaus Innenstadtformat, kein Klotz, eher ein Karton. Die hohen Freiräume, weiträumigen Terrassen und großen Leerflächen, die das Haus blockhaft aufbrechen, wirken aber nicht als Lockerungsübung, sondern als Einschüchterung. Denn insgesamt geht es hier streng und erhaben zu. Der Eingang Reichsstraße führt in ein Entree, in dem auch ein Parteitag Platz hätte und sich bei 16 Metern Raumhöhe angemessen erhoben fühlen könnte. Das Haus hat aber nicht nur einen Eingang, sondern drei Eingangshallen. Außerdem: ein Untergeschoss für Sonderausstellungen, drei Geschosse für die Sammlung und fünf Zwischengeschosse für die graphische Sammlung, Büros für die Direktion und Administration, Mitarbeiter und Technik. Wobei die Proportionen der durch die Architektur vorgegebenen Nutzung ein Diktat eigener Art sind: 2500 Quadratmeter nehmen die Verkehrsflächen ein (also Höfe, Terrassen Treppenhäuser), 1500 Quadratmeter gibt es für Wechselausstellungen und nur 3500 Quadratmeter für die Sammlung, die rund 3500 Gemälde, 1000 Plastiken und 60000 grafische Blätter enthält. Die grafische Sammlung, die, mit bedeutenden Konvoluten von Bernini und Salvator Rosa, weltberühmt ist für ihre Barockzeichnungen, ist in Räumen untergebracht, die einem Luftschutz- oder Heizungskeller gleichen, inklusive der Leitungen und Rohre unter der niedrigen Decke. Wenn die schwere, graue Eisentür hinter einem ins Schloss fällt, erinnert man sich an ein Warnschild, das draußen angebracht ist: "Raum sofort verlassen. Gesundheitsgefahr."