Es gibt Leute, die behaupten, dass es Werner Bahlsen gar nicht gibt. Es gibt ja auch Herrn Nivea nicht, auch nicht Frau Nutella, beim Grundig jedoch ist die Sache anders, aber die Grundig AG ging Pleite, und Max Grundig ist lange tot. Schon früher, vor 30 Jahren, als Bahlsens Leute fast jeden Kiosk mit Keksen aus Hannover belieferten, rätselten Kunden: "Gibt es den Bahlsen wirklich?" Hm, vielleicht, nein, nie gesehen, unwahrscheinlich.

Man muss genau hinschauen, um ihn zu erkennen, aber das liegt an diesem Morgen nicht an Werner Bahlsen, sondern an der Finsternis. Es ist fünf Uhr früh, und das Dorf in der Lüneburger Heide schläft noch tief, als sich Werner Bahlsen aufmacht. Er ist hellwach und guter Dinge, er hat sich einen Tag Auszeit genommen, ein paar Akten in sein restauriertes Fachwerkhaus gebracht, heute fährt er nicht ins Büro. Seinen Geländewagen steuert er auf einem Feldweg am Waldrand entlang, parkt vor einem Gatter und steigt aus. Mit tastenden Schritten schleicht er auf eine Erhebung und dreht seinen Oberkörper behutsam, wie einen Kompass. "Der Wind steht gut", flüstert er. Seinen Kopf hat er so ausgerichtet, dass der Luftzug an beiden Ohren gleich stark ist. Die Laute der Nacht wehen zu ihm herüber. "Die sind beunruhigt", sagt er, "die spüren alles." Werner Bahlsen schultert sein Gewehr, schiebt Zweige achtsam zur Seite. Der Weg ist ihm vertraut, es ist der Weg zu seinem Lieblingsort auf dieser Welt. "Ein Wald", sagt er bewundernd, "ist eine wahnsinnig langfristige Sache."

Fünfzehn moosüberwucherte Holzsprossen steigt Bahlsen zu seinem Hochsitz empor und beobachtet durch sein Fernglas ein nervöses Rudel Rehe. "Psssst." Er ist ganz bei sich, er will sich durch nichts ablenken lassen. Hinter den Wipfeln der Fichten kriecht allmählich die Sonne herauf. Ein 54-jähriger Geschäftsmann in jägergrünen Lederhosen verharrt einsam unter einem Tarnnetz, um ein paar Stunden lang seine Wellness-Kekse zu vergessen – was ist mit diesem Mann?

Werner Bahlsen, Chef der traditionsreichen Keks- und Kuchenfirma, ist ein schweigsamer, sehr vorsichtiger Mensch. Er denkt lange nach, bevor er einem Aussagesatz traut und ihn ins Freie lässt. "Kekskönig" haben Zeitungen ihn genannt, weil griffige Bezeichnungen glauben machen, man habe ein klares Bild von ihm, man habe sich ihm genähert. In Wahrheit ist er meist geflüchtet, wenn ihm ein Fremder nahe kommen wollte. Insofern unterscheidet er sich nur unwesentlich von den Rehen in seinem Jagdrevier.

Haben Sie ein Problem in Ihrer Firma, Herr Bahlsen? Problem. Bahlsen schaut in die Ferne und schiebt das unappetitliche Wort prüfend im Mund hin und her, er kaut darauf herum wie auf einem Trockenkeks, bevor er sagt: "Nein, Problem würde ich das nicht nennen." Deutscher Marktführer beim Süßgebäck ist Bahlsen nach wie vor, aber der Wettbewerb wird viel härter, Billiganbieter greifen an, Umsätze sinken. Bahlsen, allen voran die Marke Leibniz, eine Kindheitserinnerung der Nation, das Keks gewordene Wirtschaftswunder. Die Marke hat ihren Preis, einen ziemlich hohen Preis, und die Kunden werden geizig. Wie geht es weiter, wenn die Konjunktur nicht anspringen will? Wachsen, schrumpfen, Arbeit verlagern, Arbeit beschleunigen? Bahlsen, äußerlich fest, aber zugleich zerbrechlich – ein Keks wie das Land.

Werner Bahlsen ist noch sehr jung, als er begreifen muss, dass das Leben nicht unbedingt einfacher wird, wenn man so heißt wie ein Keks. In der Grundschule hänseln ihn Kinder, "Krümel", "Scherzkeks". Auf dem Gymnasium fragt er sich manchmal, ob seine Freunde noch seine Freunde wären, wenn sein Vater kein bekanntes Unternehmen besäße. Später glaubt Bahlsen besser zu wissen, wie er sich behaupten könne. Als er bei einem Konditor in Göttingen seine Ausbildung macht und einige Lehrlinge sich Spitznamen für Werner Bahlsen ausdenken, lädt er die Kollegen in eine Kneipe ein und betrinkt sich so lange mit ihnen, bis nur noch Werner Bahlsen aufrecht gehen kann.

Sehr wenige Bahlsens gibt es in Deutschland. Wer so heißt, ist ziemlich sicher mit den Unternehmern verwandt. Werner Bahlsen möchte sich sein Ansehen nicht borgen bei seinen Vorfahren, der Name macht ihm hin und wieder heute noch zu schaffen. Einmal fährt er in kleiner Runde zu einem Hotel in Wolfsburg, wegen einer ganz gewöhnlichen Besprechung. Als er ins Foyer des Hotels kommt, haben sich dort schon die Leute vom Empfang in einer Reihe aufgestellt, als werde ein arabischer Prinz erwartet. Einer nach dem anderen reicht Bahlsen förmlich die Hand und sagt laut: "Guten Tag, Herr Bahlsen." Dem Gast aus Hannover ist das alles sehr peinlich.