Auffallend schüchtern war er und sehr liebenswürdig. Er sah aus, als hätte er vor wenigen Monaten das Abitur mit bester Note bestanden. Aber er, Dieter E. Zimmer, war in Wirklichkeit 25 Jahre alt und hatte gerade im ZEIT-Feuilleton als Redakteur zu arbeiten begonnen. Das war Anfang 1960. Bald entpuppte sich der schüchterne und liebenswerte Jüngling als ein Literaturkenner, mit dem sich vorzüglich plaudern ließ, vorerst nur gelegentlich.

Das änderte sich im Frühjahr 1963. Im Verlag Kiepenheuer & Witsch war das neue Buch des schon berühmten, wenn auch noch nicht weltberühmten Autors Heinrich Böll erschienen, der Roman Ansichten eines Clowns. Der Verlagschef, Caspar Joseph Witsch, ein überaus tüchtiger und energischer Mann, wollte, dass die Kritiken dieses Romans in allen größeren deutschen Blättern gleichzeitig veröffentlicht werden. Es ist kaum zu glauben, aber so war es: Die Feuilletonchefs fügten sich gehorsam seinem Wunsch, auch der ZEIT-Feuilletonchef, Rudolf Walter Leonhardt.

Mit der Besprechung des Buches beauftragte er mich. Ich sollte am Freitag oder Sonnabend die Kritik abliefern. Der Termin war sehr kurz, ich schaffte es nicht. So hatte ich mit meinem Manuskript am Sonnabendabend in die Bar des Vier Jahreszeiten zu kommen, wo Leonhardt und Rudolf Augstein über den neuen Böll-Roman stritten. Es wurde ein nahezu historischer Abend. Denn Leonhardt war, anders als Augstein, von diesem Roman ganz begeistert und erklärte, er sei entsetzt von meiner in der Tat sehr skeptischen Kritik. Sie werde zwar unverändert gedruckt, doch sei er entschlossen, sofort die Leitung des Literaturteils der ZEIT einem jüngeren Redakteur anzuvertrauen.

Am nächsten Tag erfuhr ich, dass Leonhardt Joachim Kaiser, Reinhard Baumgart, Ivan Nagel, Rudolf Augstein und noch andere Kritiker um ein Urteil über die Ansichten eines Clowns und über meinen Artikel gebeten hatte (so war die jahrelang erfolgreiche ZEIT-Rubrik Im Brennpunkt des Gesprächs entstanden).

Und ich erfuhr, dass den Literaturteil der ZEIT nunmehr Dieter E. Zimmer übernehmen werde.

So wurde Zimmer mein Gesprächspartner und Auftraggeber, ja mein Chef. Jetzt plauderten wir (fast immer telefonisch) mehrmals wöchentlich, bisweilen sogar täglich. Nach manch einem Manuskript stöhnte er leise und wahrlich nicht ohne Grund: Es war mir wieder einmal viel zu lang geraten. Aber er druckte es dennoch ungekürzt, es sei denn, mir war irgendwo eine Wiederholung unterlaufen. Ich habe nie einen besseren Redakteur gekannt.

Was soll ich hier vor allem loben? Zimmers Sorgfalt, seine Zuverlässigkeit und Fairness, seine Bildung, seine Geduld und Höflichkeit? Gewiss, doch besonders fiel mir sein Taktgefühl auf: Wenn ihm in den vielen Manuskripten, die ich in den zehn Jahren unserer unmittelbaren Zusammenarbeit geschrieben hatte, etwas missfiel - ein überschärftes Urteil, ein schlampig formulierter Satz, eine unglückliche Wendung oder vielleicht eine überflüssige Verallgemeinerung -, er hat auf Derartiges vorsichtig und eben taktvoll aufmerksam gemacht und, wenn ich mich recht entsinne, nie Mühe gehabt, mich zu überzeugen. Er hatte stets Recht, er war ein fairer und humaner Redakteur.