Die klassische Debatte, Konferenz oder sonstige Erörterung zum Thema "Europa und die Kultur" hat drei Elemente. Da ist die EU, begriffen als ökonomisches und bürokratisches Projekt. Da sind die amtlichen Betreiber dieses Projekts, die ihm, gewissermaßen nach Feierabend, einen höheren Sinn verleihen wollen. Und da sind die Künstler und Intellektuellen, die das Geistdefizit anprangern und zugleich vom schlechten Gewissen der Funktionäre profitieren möchten. Der Eurokrat und der Musensohn sind in diesem Kulturdiskurs ein unzertrennliches, sadomasochistisches Paar.

"Europa eine Seele geben" hieß jetzt ein aufwändiger kulturpolitischer Kongress in Berlin – ein Zitat des früheren EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors, das noch ganz von der traditionellen Brüsseler Sinnverlegenheit zeugt. Was das Berliner Treffen aber eigentlich zeigte, war das Ende dieser Problematik, ihre historische Erledigung: Europa hat kein Ideen- oder Identitätsdefizit mehr, eher schon ein Überangebot an Sinn und Bedeutung.

Bundeskanzler Schröder entwickelte eine ganze EU-Weltanschauung, ein geschlossenes Werteensemble aus Arbeitsrecht, Multilateralismus, freiem Zugang zur Bildung und vielem mehr. Der Konflikt mit Amerika hat "Europa" von selbst weltanschaulich aufgeladen, da braucht es kein Zutun von Dichtern oder Filmemachern mehr, und es war daher nicht einmal ein wirkliches Manko, dass in Schröders Rede jeder belangvolle Hinweis auf Kunst und Geisteswelt fehlte: Der Überbau zur EU ist nicht mehr kulturell, sondern ideologisch.

Man zögert vielleicht, darin Europas "Seele" zu suchen, und tatsächlich war in Berlin noch eine andere zu spüren. Der Freiheitskampf in der Ukraine weckt in diesen Tagen noch einmal die Erinnerung an das Wunderjahr 1989. Der Oxforder Historiker Timothy Garton Ash, damals der Chronist des mitteleuropäischen Bürgeraufbruchs, schien auf Schröder zu antworten, als er den Gedanken eines europäischen "Modells" aufgriff: Ja, das gebe es tatsächlich. Es sei aber nicht das europäische Sozialmodell, das stecke in einer tiefen Krise. Das europäische Modell ist für Garton Ash die friedliche Revolution, der Runde Tisch für den Machtwechsel ohne Blutvergießen, die Kultur des gewaltlosen Widerstands. Und die eigentliche Geschichte Nachkriegseuropas ist keine von Markt und Wettbewerb, aber auch keine von "Identität" und Selbstbehauptung, sondern die Geschichte der Freiheit und ihrer Ausdehnung: nach Spanien und Portugal, nach Polen und Mitteleuropa, nach Serbien, nach Georgien, jetzt vielleicht, hoffentlich, in die Ukraine.

Es wird da nicht aufhören. Irgendwann kam eine weißrussische Autorin zu Wort und bedankte sich für die Einladung nach Berlin. Nicht wegen der Ehre für sie, sondern als Ermutigung für ihr Land. Keine größere Hoffnung, als einmal frei zu einem freien Europa zu gehören. Und wir stehen vor der Wahl, ob wir Angst davor haben oder stolz darauf sind.

Jan Ross