Duisburg: der größte Stahlstandort der Welt und lange Zeit Synonym für das große Sterben. Bis heute jagt Krimi-Held Schimanski seine Verbrecher zwischen rostigen Hochöfen und verwaisten Walzanlagen. Die Stadt kultivierte ihr Image und machte ein altes Thyssen-Stahlwerk zum Streichelzoo für Industriesaurier: Im "Landschaftspark Nord" planschen seit einigen Jahren Sporttaucher durchs Gasometer, der Alpenverein nutzt die alten Erzbunker zum Klettern, und in der Gebläsehalle ertönt im Sommer Blasmusik. Aufheiterung war in Duisburg dringend nötig. Zukunft? Daran wagte lange keiner mehr zu glauben.

Das hat sich gewandelt. Gründlich gewandelt. Seit kurzem gilt Stahl wieder als Wachstumsmarkt, wegen des Wirtschaftsbooms in China werden die Rohstoffe knapp. Die Preise sind in den vergangenen Monaten rasant gestiegen, und davon profitieren die Hersteller weltweit. 46,5 Millionen Tonnen Stahl wurden 2004 in Deutschland produziert, mehr als je zuvor in den vergangenen 20 Jahren. Die verbliebenen Duisburger Hochöfen laufen auf Hochtouren.

Hochstimmung herrscht auch in der Zentrale der ThyssenKrupp AG im benachbarten Düsseldorf. Dort werden zurzeit die Zuwächse aus den Stahlwerken fein säuberlich verrechnet, weil Konzernchef Ekkehard Schulz diese Woche die Bilanz präsentiert. Eins ist klar, die vergangenen zwölf Monate gehen als Rekordjahr in die Geschichte des Rohstoff- und Investitionsgüterherstellers ein. Und das liegt vor allem an der Stahl-Sparte. Ironie der Geschichte: Noch vor wenigen Jahren wollte der Konzern die Tochter via Börsengang loswerden, was damals jedoch an der mangelnden Begeisterung der Börsianer scheiterte.

Die hohe Nachfrage aus China produziert auch neue Risiken

Deren Einschätzung hat sich inzwischen gründlich geändert. Analyst Christian Obst von der HypoVereinsbank etwa hat ThyssenKrupp kürzlich als "Outperformer" eingestuft: So nennt man an der Börse Aktien, die kräftige Kursgewinne erwarten lassen. Auch Banker Thomas Hofmann gerät ins Schwärmen, wenn man ihn auf ThyssenKrupp anspricht: "Sehr gute Zahlen", sagt der Aktienanalyst der Landesbank Rheinland-Pfalz. "Hohe Stahl-Nachfrage, knappes Angebot – das ist die beste aller Welten."

Das mögen Börsianer denken und auch die Bilanzbuchhalter von ThyssenKrupp, doch nur wenige Kilometer von den rauchenden Stahlwerken Duisburgs entfernt, sieht man die Sache völlig anders. Genau gegenüber, auf der anderen Rheinseite, sitzt in Moers ein mittelständischer Stahlverarbeiter. Die LempHirz GmbH & Co KG stellt stählerne Dachluken her und Spangen zur Befestigung von Regenrinnen. "Wir waren in diesem Sommer Tage und Wochen damit beschäftigt, bei Lieferanten um Rohmaterial zu betteln", klagt Geschäftsführer Oliver Roth. Ein Werk der Firma habe wegen Stahlmangels sogar eineinhalb Tage stillgestanden. Schwer zu sagen, was die Branche härter treffe, die Knappheit oder die hohen Preise, so der Geschäftsführer. Er selbst hat das Lager inzwischen "bis unters Dach voll gemacht", um sich gegen weitere Engpässe zu wappnen.

Doch das kann sich nicht jeder Metallverarbeiter leisten. Gut 16 Prozent der Unternehmen der Branche sehen sich wegen der hohen Preise am Rande der Insolvenz. Das ergab eine Umfrage des Wirtschaftsverbandes Stahl- und Metallverarbeitung in Düsseldorf, an der rund 300 Mitgliedsfirmen teilnahmen. Dass sich Verbandsgeschäftsführer Andreas Möhlenkamp besonders um die kleinen Unternehmen sorgt, ist verständlich. Autokonzerne und andere Großabnehmer sichern sich meist durch langfristige Verträge ab, die Kleinen müssen nehmen, was übrig bleibt.

Kein Wunder, dass der Mittelstand plötzlich beginnt, sich Gedanken über die Machtverhältnisse auf der anderen Seite des Marktes zu machen. Stahlfusionen und -übernahmen haben in den vergangenen 15 Jahren die Zahl der Anbieter schrumpfen lassen. Aus den drei deutschen Traditionsunternehmen Thyssen, Krupp und Hoesch entstand dabei in zwei Schritten ThyssenKrupp. Zudem vereinigten sich British Steel und der niederländische Wettbewerber Hoogovens zur Corus Group. Und dann taten sich noch Arbed aus Luxemburg, Usinor aus Frankreich und Aceralia aus Spanien unter dem Namen Arcelor zusammen, um den größten Stahlkonzern der Welt zu formen. Das ist nur drei Jahre her. Inzwischen kaufte Lakshmi Mittal, ein Inder mit Sitz in London, Hochöfen in aller Welt. Nach seinem jüngsten Deal im Oktober ist die Mittal Group dabei, Nummer eins der Welt zu werden.