Russlands Politik neigt in der jüngsten Zeit dazu, den eigenen Interessen zu schaden. Obwohl Staatschef Wladimir Putin in der Ukraine, die Transitland für russisches Öl und Gas ist, Stabilität anstreben sollte, warf er sich im Kiewer Präsidentschaftswahlkampf so lange für den nicht mehrheitsfähigen Regierungskandidaten Wiktor Janukowitsch ins Ruder, bis das Kentern unvermeidlich war.

Dabei wäre ein Präsident Janukowitsch den russischen Wirtschaftsinteressen eher schädlich. Der Abkömmling eines Clans aus dem ostukrainischen Donezk ist ein Meister der Abschottung im Interesse seiner ehrenwerten Familie. So erhielt beispielsweise bei der Privatisierung des Stahlkonzerns Kriworosch-Stahl unter Oberaufsicht des Premierministers Janukowitsch dessen Donezker Pate Rinat Achmetow gemeinsam mit dem Schwiegersohn des amtierenden Präsidenten den Zuschlag. Russische Investoren hatten trotz höherer Gebote keine Chance.

Sie kamen eher während der offenen Privatisierungen zwischen 1999 und 2001 zum Zuge, als der heutige Oppositionskandidat Wiktor Juschtschenko Regierungschef war. Ihr Geld floss in Raffinerien, die Schwerindustrie und Aluminiumproduktion, in Banken, Versicherungen und die boomende Lebensmittelbranche. Dennoch blieben die Direktinvestitionen des großen östlichen Bruders bisher verhältnismäßig gering: Zum 1. Oktober lag Russland in der Tabelle der ausländischen Direktinvestitionen nur auf Platz sieben, weit hinter den USA oder Deutschland. Allerdings sind die Besitzverhältnisse vieler ukrainischer Unternehmen noch immer ein Geheimnis. Manche dürften als Strohfirmen für russische Investoren dienen.

Besonders für Russlands Energieexporteure ist die Ukraine von strategischer Bedeutung: als Transitland zu den Märkten Westeuropas und als Raffineriestandort. Fünf von sechs Raffinerien werden bereits durch russisches Kapital kontrolliert. Russische Ölfirmen wie Lukoil oder TNK drängen mit aggressivem Marketing in den ukrainischen Tankstellenmarkt. Zwei Drittel der Warenimporte aus Russland sind Brennstoffe.

Transitland für Gasgeschäfte

"Zwar ist die Abhängigkeit der Ukraine von russischen Energieressourcen erheblich", erklärt Ferdinand Pavel von der Deutschen Beratergruppe für Wirtschaftsreformen in Kiew, "doch die Vorstellung von der Erpressbarkeit des Landes ist eher ein Mythos." Tatsächlich hat sich die Ukraine in den vergangenen Jahren etwas aus dem Griff des russischen Staatsmonopolisten Gasprom gelöst. Vom Jahresgesamtverbrauch in Höhe von 70 Milliarden Kubikmeter Gas stammen 26 aus Russland, davon 25 als Bezahlung für den Gastransit nach Westen. Den Rest bezieht die Ukraine aus Turkmenistan und aus Eigenproduktion.

Mit einem Gas- oder Ölboykott gegen die Ukraine würde sich Russland außerdem ins eigene Bein schießen, da damit zugleich die einträglichen Lieferungen nach Westeuropa ein Ende hätten. Schon die eintägige Abschaltung der Gaspipeline nach Weißrussland im Februar, die den dortigen Diktator Alexander Lukaschenko zum Einlenken bringen sollte, beunruhigte die westlichen Kunden. Russland ist eben auch auf die Ukraine angewiesen und plant gerade eine zweite Transitgaspipeline.

Auch der Anschluss der östlichen Regionen der Ukraine, Donezk und Lugansk, an Russland würde vor allem jene Moskauer Politiker erfreuen, die nur der Erweiterung des Reiches das Wort brüllen. Der Moskauer Haushalt übernähme die verrotteten und defizitären Kohlegruben im Donbass-Becken.