Eine Funktion von Drama ist Totenbeschwörung - der Dialog mit den Toten darf nicht abreißen, bis sie herausgeben, was an Zukunft mit ihnen begraben wurde. Heiner Müller hat das gesagt, und in diesen Tagen zeigt sich wieder, wie Recht er hat. In Dresden hat der Regisseur Volker Lösch Gerhart Hauptmanns Weber beschworen. Er hat in das Stück, das sich auf einen blutigen Aufstand des Jahres 1844 bezieht, Sprechchorpassagen eingebaut, die sich auf den Aufstand der Ausgebluteten des Jahres 2004 beziehen. Lösch lässt Sätze gegen Mächtige brüllen, gegen Schröder, Milbradt (dumme Sau) und Sabine Christiansen (müsste erschossen werden!). Der Skandal war, dass nicht Schauspieler vergangene Konflikte nachspielten, sondern dass Dresdner Bürger auf offner Bühne ihr Gewaltpotenzial vibrieren ließen. Jetzt hat das Berliner Landgericht auf Antrag des Verlages Felix Bloch Erben, der Hauptmanns Werk betreut, eine einstweilige Verfügung erlassen: Löschs Inszenierung darf so nicht mehr gespielt werden. In ihr trete, so der Verlag, Hauptmanns Werk völlig in den Hintergrund. Das aber ist die Frage: Wird Hauptmanns Werk nicht vielmehr rabiat in den Vordergrund gerückt? Haben unter Löschs Chorgebrüll die Toten nicht herausgegeben, was an Zukunft mit ihnen begraben war? Auch Sabine Christiansen hatte gegen die Inszenierung geklagt. Sie bekam nun ihren Willen, ihren Frieden aber wird sie nimmer haben. Ein Blick ins private Fernsehen, kürzlich bei Pro 7: große Show mit Ingolf Lück, Trashprominenz fällt über Abwesende her. Die Show dröhnt von Todesgrüßen an Carpendale (hat nicht geschafft, was Rex Gildo geschafft hat), Küblböck (zu blöd für 'nen ordentlichen James-Dean-Tod) und vergessene Boygroups (die würde ich abknallen, wenn sie jetzt hier wären). In Dresden ging es um Mordlust aus Verzweiflung. Im Fernsehen bricht sich, völlig unsanktioniert, etwas anderes Bahn: tödliche Verachtung aus Spaß an der Freud.