Kiew

Eintopf und Euphorie. Zwei elementare Zutaten der orangfarbenen Revolution in der Ukraine. Beide zeigen: Was in Kiew passiert, kommt vom Volk. Friedlich und fröhlich marschieren Abertausende zum Unabhängigkeitsplatz, um ihr Recht einzufordern. Alle sind sie da: alte Mütterchen, Hausfrauen, Großväter mit Enkeln, Arbeiter, verrückte Bärtige, junge Frauen mit Hochhackigen, ein paar Priester, die ihre Bibel in orangefarbenes Papier verpackt haben. Alle wollen ihrer neuen, selbst gewählten Bürgerpflicht nachkommen und demonstrieren. Und alle haben etwas mitgebracht: die einen ihre Fröhlichkeit, die anderen Eintopf und Wurstbrote.

Wie sie leuchten, die Menschen mit den orangefarbenen Bändern, Mützen, Schals. Die klirrende Kälte würde es schon richten, war das Kalkül derer, die keinen Wechsel wollen. Doch je eisiger der Wind, je trüber das Wetter, desto stärker leuchtet das Orange. Ganz Kiew eine Signalfarbe: Seht her, wir verstecken uns nicht mehr, wir sind viele, uns kann man nicht übergehen.

Ein Volk erobert die Plätze, erfasst vom Gedanken an Demokratie, Freiheit und Selbstbestimmung. Die Ukraine ist arm, und niemand glaubt, dass die Freiheit den Wohlstand bringt. Wir sind arm, aber wir haben Ehre und Stolz - das ist wohl, was sie der Welt zeigen wollen. Das unterscheidet sie auch von vielen anderen Revolutionären. Es geht nicht um Autos für alle, es geht um Würde.

Der Versuch, ihnen die Wahl zu stehlen und von außen einen Präsidenten zu verordnen - das verstößt gegen diese Würde.

Voller Würde und Stolz ist auch die Art des Widerstands. Es ist kaum Miliz in Kiew zu sehen. Ich treffe den Sicherheitschef der Zeltstadt des Protestes.

Er sorgt für Ordnung und dafür, dass kein Alkohol in seine Stadt kommt. Er stellt sich mir vor: Ich bin Wiktor Major. Ich frage: Major, ist das dein Name? - Nein, sagt er, meine Aufgabe. Er ist vielleicht 25. Viele sehr Junge organisieren die Revolution, weil sie über ihre Zukunft entscheidet.