Lothar Späth und Wolfgang Schäuble, zwei Altvordere der südwestdeutschen CDU, hatten es gleich gewusst: Die Mitgliederbefragung, mit der die baden-württembergische CDU den künftigen Ministerpräsidenten küren wollte, sei eigentlich problematisch. Da sich aber beide zudem ausdrücklich dafür einsetzten, Günther Oettinger zum Nachfolger des in die Resignation gedrängten Erwin Teufel auszurufen, durfte man rätseln. War das Mitgliedervotum fragwürdig, weil es sich gegen den allzu glatten Aufstieg Oettingers richtete, oder war es derart problematisch, dass auch die Anhänger von Annette Schavan dies eigentlich so sehen mussten? Also: Sind Mitgliederentscheide fragwürdig an sich? Die Frage stellt sich - unabhängig vom Ergebnis in Baden-Württemberg, das an diesem Donnerstag bekannt gegeben werden soll.

Die Sache wird schnell klarer, wenn man sich den Normalfall vor Augen hält.

Und der sieht so aus: Ein neuer Landtag ist zu wählen und anschließend eine neue Landesregierung. Die Parteien einigen sich - mit oder ohne Befragung ihrer Mitglieder - jeweils auf ihren Spitzenkandidaten. Der führt den Wahlkampf und wird, falls seine Partei siegt oder wenigstens einen Koalitionspartner zur parlamentarischen Mehrheitsbildung findet, selbstverständlich zum Regierungschef gewählt. Dass die Abgeordneten seiner Partei sich - ungeachtet ihres freien Mandates und Gewissens - bei dieser Wahl an die faktische Bindungswirkung der parteiinternen Auswahl des Spitzenkandidaten halten, würden nicht einmal Lothar Späth und Wolfgang Schäuble für problematisch halten.

Nun aber soll der Wechsel in Stuttgart ausnahmsweise mitten in der Legislaturperiode stattfinden. Natürlich gilt auch dann, wie im Normalfall: Der Ministerpräsident wird am Ende (und im Ernst) allein vom Landtag gewählt.

Aber weshalb soll es (nur) bei diesem fliegenden Wechsel keine Beratung innerhalb der Parteien darüber geben, wen sie für den geeigneten Nachfolger des Regierungschefs halten - und warum soll nicht jene faktische Bindungswirkung unterstellt werden, die den Regelfall kennzeichnet? Wer genauer hinhört, entdeckt Folgendes: Die meisten, die sich gegen solche Mitgliederentscheide aussprechen, haben in der Regel gar nichts dagegen, dass die Parteien ihre Spitzenkandidaten bestimmen - und damit im Erfolgsfalle de facto den künftigen Regierungschef. Sie haben nur etwas dagegen, dass dabei wie im vorliegenden Falle nicht nur die Partei-Funktionäre, sondern auch die Partei-Mitglieder mitreden.

Diese basiskritische Präferenz hat aber im Grunde nichts zu tun mit der Verteidigung der Souveränität der Abgeordneten (die wird vorgeschützt), sondern mit der inneren Verfassung der Parteien. Und außerdem mit der vorsorglichen Verteidigung irgendwelcher ersessenen Nachfolge-Ansprüche.

Wenn bei solchen Vorgängen irgendetwas als wirklich problematisch betrachtet werden muss, dann die Praxis einer Regierungspartei, den Amtswechsel mitten in der Legislaturperiode vorzunehmen, auf dass der Nachfolger noch unter den alten Machtverhältnissen zulasten der Opposition einen Machtvorsprung (den berühmt-berüchtigten Machtbonus) für den nächsten Wahlkampf erwirtschaften kann. Nur lässt sich dagegen so wenig machen wie gegen Mitgliederbefragungen, die allerdings die Geschäfte hinter dem Rücken wenigstens etwas erschweren.