Es gibt nicht viele Aussagen, über die sich Wirtschaftswissenschaftler einig sind, ein paar aber doch - zum Beispiel diese: Wenn die Industrieländer ihre Märkte für Produkte aus dem Süden öffneten, würde das in den Entwicklungsländern viele hundert Millionen Menschen aus der Armut befreien.

Auf diese Behauptung können sich so ziemlich alle Ökonomen verständigen, egal ob Globalisierungsanhänger oder -kritiker, ob Angebots- oder Nachfragetheoretiker. Bis jetzt. Denn nun haben die Forscher Mark Weisbrot, David Rosnick und Dean Baker vom Center for Economic and Policy Research (CEPR) in Washington einige Zweifel an der Richtigkeit dieser Aussage geweckt. In ihrer Studie Poor Numbers: The Impact of Trade Liberalization on World Poverty versuchen sie nachzuweisen, dass die Entwicklungsländer von einer Marktöffnung des Nordens weit weniger profitieren würden, als gemeinhin angenommen.

So sei es zwar richtig, so die Autoren, dass die Agrarsubventionen der Industrieländer den Weltmarktpreis für Produkte wie Zucker oder Baumwolle nach unten trieben und damit die Bauern in vielen Entwicklungsländern hart träfen. Jene Länder der Dritten Welt jedoch, die keine dieser Produkte herstellen, profitierten jedoch von dem niedrigen Preis. Ähnlich in der Textilindustrie: Während die Einfuhrquoten des Nordens auf manche armen Staaten wie eine Produktionsbremse wirkten, hätten sie für andere Länder durchaus Vorteile gebracht. Um die Quoten zu umgehen, seien Textilkonzerne in kleinere Entwicklungsländer ausgewandert, die erst dadurch eigene Textilfabriken aufbauen konnten. Ohne die Quoten könnten die neuen Industriezweige zusammenbrechen.

Durch eine Liberalisierung des Welthandels würde demnach nicht nur alte Armut beseitigt, es würde auch neue Armut entstehen, was den positiven Gesamteffekt reduzierte. Eine der bisher üblichen Schätzungen, wonach eine Liberalisierung des Welthandels bis zu 500 Millionen Menschen aus der Armut befreien könne, basiere zudem auf Rechenfehlern, heißt es in der Studie. Tatsächlich müssten die Zahlen weit niedriger angesiedelt werden. Natürlich ist jegliche Verringerung der Armut wünschenswert, so die Autoren, aber da die armen Länder gezwungen sind, im Austausch für eine Marktöffnung in den reichen Ländern Zugeständnisse zu machen, ist es wichtig, dass sie mit einer realistischen Einschätzung des möglichen Nutzens in die Handelsgespräche gehen.