Das Projekt ist gigantisch. Tausende Forscher aus mehr als siebzig Ländern wollen bis 2010 alles Wissen über die Meere und das Leben im Wasser sammeln, von der Arktis bis zur Antarktis, von den lichtdurchfluteten oberen Schichten bis zum finsteren Tiefseeboden. In Datenbanken, die über das Internet für jeden zugänglich sind, speichern sie von historischen Fangberichten über geografische Daten bis hin zu aktuellen Forschungsergebnissen und Vorhersagen künftiger Fischpopulationen so ziemlich alles, was man über die Welt der Ozeane weiß. "Zensus des marinen Lebens" heißt diese Inventur, die im Jahr 2000 begann. Die Artenzählung erfasst primitive Einzeller ebenso wie Algen und Schwämme, Korallen, Kopffüßer, Krebse und Fische – alles, was im Meer wächst und gedeiht.

Schon jetzt, so ergab eine Zwischenbilanz in der vergangenen Woche, kann der Zensus beeindruckende Ergebnisse vorweisen: In den vergangenen zwölf Monaten wurden 13000 neue marine Arten registriert, darunter 106 zuvor unbekannte Fischarten. "Wir haben bisher bloß die Oberfläche angekratzt," meint Frederick Grassle von der Rutgers University in New Jersey. 95 Prozent aller Beobachtungen beträfen nur das Leben in den obersten Wasserschichten. Lediglich jede 1000. Meldung stamme aus der unteren Hälfte der Wassersäule bis zum Meeresboden. "Weniger als fünf Prozent der Ozeane sind erforscht", stellt Grassle fest und schwärmt von "üppigen Möglichkeiten, neue Arten zu entdecken". Er muss es wissen, als Vorsitzender des wissenschaftlichen Komitees für den Zensus und Leiter der Datenbank Obis (Ocean Biographic Information System), die alle Beobachtungsdaten vernetzen soll. Bisher sind 230000 im Meer lebende Arten bekannt. Schätzungen besagen, dies sei ein Zehntel der ganzen Fülle.

Die Arten sterben aus – und ihre Kenner und Ordner auch

Wer Millionen Spezies samt ihren Abermilliarden wandernden und driftenden Individuen im Riesenraum der Ozeane registrieren will, der muss unweigerlich mit Kapazitätsproblemen rechnen – auch wenn für das Zensusprojekt rund eine Milliarde Dollar zur Verfügung steht, von Stiftungen, Staaten und Forschungsorganisationen. Eine Arbeitsteilung ist daher unerlässlich. Bisher gliedert sich die Inventur in 13 verschiedene Teilprojekte, beispielsweise in die Erforschung des Zooplanktons oder von Mikrobengenen, in Untersuchungen der noch weitgehend unbekannten Arktis oder der weiten Wanderwege von Lachsen, Tunfischen und Schildkröten.

Eine solch umfassende, globale Kooperation erfordert eine enge Abstimmung der Datensysteme und des Umgangs mit gespeicherten Inhalten. "Hier können wir helfen", sagt Friedrich Nast vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie in Hamburg. Er hatte Anfang dieser Woche 200 Zensus-Experten aus aller Herren Länder zu einer Tagung über Informatik und Ozean-Biodiversität in die Hansestadt geladen. Das Bundesamt betreibt das Deutsche Ozeanografische Datenzentrum, und dieses hat viel Erfahrung in internationalen Kooperationen. Sind die Deutschen auch beim Entdecken und Bestimmen neuer Arten besonders aktiv? Haben sie etwa bei den über hundert Funden neuer Fische tüchtig mitgewirkt? "Da sind wir nicht mehr stark", gesteht Nast. "Erstens ist die deutsche Hochseefischerei fast ganz zum Erliegen gekommen. Sie landete einst manche neue Art an. Zweitens gibt es kaum noch Taxonomen hierzulande, die sich mit Fischen auskennen."

Hobbyforscher füllen Kataloge mit neuen Arten

Dass im Zeitalter des Artensterbens ausgerechnet auch die Taxonomen aussterben, jene Biologen, die professionell Arten bestimmen und zuordnen, wird schon seit Jahren beklagt. Diese Forschungsrichtung gilt im Vergleich zu den modernen Biowissenschaften vielerorts noch als altbacken und unattraktiv, als Revier für Briefmarkensammler und Buchhalter. Trotz aller Mahnungen, im Regenwald und Ozean leben Millionen unerkannter Arten, die es dringend zu erkennen und schützen gilt – die meisten jungen Biologen lockt diese Aufgabe kaum. Nüchtern kalkulieren sie, die wichtigsten Entdeckungen spektakulärer Arten seien gemacht. Drum bleibe nur mühsames Suchen und pingeliges Einordnen zahlloser Mikroben, Algen, Moose oder kleiner Krabbeltiere. Solche Fron überlässt man lieber anderen und analysiert stattdessen patentträchtige Gene, deren Sequenzen und Produkte.

Inzwischen führt der Mangel an Taxonomen zu kuriosen Folgen. So berichtet Rainer Fröse vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften, dass oft Aquarianer und Hobbyforscher neue Fischarten beschreiben und katalogisieren, lange bevor diese einen wissenschaftlichen Namen und eine korrekte Einordnung in die Tierwelt erhalten. "Dies gilt etwa für Buntbarsche aus dem Victoriasee", sagt Fröse. Der Biologe ist hauptamtlich Koordinator der internationalen Fischdatenbank fishbase. Diese frei zugängliche Sammlung im Internet hat er bereits 1990 mitbegründet, im vergangenen Jahr brachte sie ihm eine hohe Ehre ein, die mit 150000 Dollar dotierte Pew Fellowship in Marine Conservation.