Die Bewerbung kam per Buchveröffentlichung. Vier Wochen vor seiner Ernennung zum neuen Superminister für Wirtschaft, Finanzen und Industrie brachte Hervé Gaymard eine Bekenntnisschrift heraus, in der er gegen die "Raserei und Ruhmsucht" in der Politik wieder die Werte "Respekt, Vertrauen, Ausdauer und Treue" beschwor. Auch wenn die Selbstbeschreibung "schwülstig und verworren" ( Libération ) klang und mehr von Liebe zu Heimat und Vaterland als vom politischen Wettkampf erzählte, war das Signal klar: Hier empfahl sich jemand, der Frankreich erneuen will, ohne auch nur einen Zentimeter aus den Fußstapfen der Altvorderen zu treten. Und mit seinen Anwürfen gegen die "flatternden Eintagsfliegen im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit" profilierte sich Gaymard als Anti-Typ zu seinem Vorgänger Nicolas Sarkozy. Der hatte während seiner nur acht Monate im Finanzminsterium eine Art wirtschaftspolitischen Blitzkrieg entfacht, aber keine der neuen Liberalisierungsfronten wirklich gefestigt. Mit der Berufung des erst 44 Jahre alten Gaymard lässt Staatspräsident Chirac seinen jugendbewegten Rivalen und neu gewählten Parteichef Sarkozy, 49, bereits alt aussehen. Und Chirac verfolgt ein klares Revirement seiner Regierungspolitik, die sich mit Sarkozy deutlich von Brüssel und Berlin abgesetzt und einen "allzu nationalistisch-französischen Kurs" ( Le Monde ) verfolgte. Der Eliteschüler und ENA-Absolvent Gaymard, dessen Vorfahren Bergbauern in den Savoyer Alpen waren, hatte bereits als Staatssekretär im Gesundheits- und Finanzministerium und zuletzt als Landwirtschaftsminister ganz im Sinne seines Präsidenten gehandelt: eine klare Bevorzugung der deutsch-französischen Zusammenarbeit als Motor der europäischen Einigung, einen Ausgleich von Wirtschafts- und Sozialinteressen und vor allem die Erneuerung der gaullistischen Staatsidee über allen Parteien. Fast noch mehr als in Frankreich, wo der erzkatholische Gaymard im Ruf eines diskreten, kompetenten, aber braven Politikers nach Art eines guten Hirten steht, erfreut sich der neue Minister in Deutschland großer Wertschätzung. Denn er spricht fließend Deutsch und hatte 2003 zusammen mit seiner Amtskollegin Renate Künast den EU-Agrarkompromiss durchgesetzt, der den französischen Bauern nicht gefiel, aber die EU-Osterweiterung überhaupt erst möglich machte. Mit seinem Kunststück, die Agro-Großmacht Frankreich international wettbewerbsfähig zu halten, ohne den Subventionswettlauf weiter anzuheizen, brachte er selbst die protestfreudigen Bauernfunktionäre auf seine Seite. Denn überall, wo wirklich Not war – etwa nach der Dürrekatastrophe 2003 sowie bei der Reduzierung der Fischfangquoten –, war Gaymard mit Geld und guten Worten zur Stelle. Dass er dabei die Überkapazitäten der französischen Fischereiflotten ähnlich verteidigte, wie es Frankreichs Regierungen in den achtziger Jahren mit dem Überhang in der Stahlproduktion taten, könnte allerdings noch schmerzhafte Spätfolgen für die Erzeuger haben. Denn mit knapp fünf Prozent der Erwerbstätigen zählt Frankreich fast doppelt so viele Menschen im Nährstand wie die Bundesrepublik, was noch große Einschnitte befürchten lässt. Für die neue Wirtschaftspolitik prophezeit das Fachblatt La Tribune bereits: "Der Koch wechselt, doch das Menü bleibt gleich." Gaymard verspricht, anders als Sarkozy, nicht alle Fronten zugleich öffnen zu wollen, sondern klare Prioritäten abzuarbeiten: Erst die Einhaltung der europäischen Defizitkriterien, dann die weitere Konsumstützung, Steuersenkungen und schließlich die Privatisierung von Staatsbetrieben. Hatte Minister Sarkozy noch das Wunder verkündet, Frankreichs Haushaltsdefizit werde von 4,1 Prozent in 2003 auf 3,6 Prozent in 2004 und im nächsten Jahr auf 2,9 sinken, so warnen Pariser Wirtschaftsexperten längst, dass das dafür nötige Wachstum von 2,5 Prozent allenfalls halb so hoch ausfalle. Und um das Luftloch in der gegenwärtigen Konjunktur auszugleichen, kann Gaymard kann nicht mehr jene Wunder vollbringen, mit denen Sarkozy noch eine Art Konjunkturpolitik wie von der Resterampe gemacht hatte. Nach dem Motto "Alles muss raus" hatte er den Geiz und die Sparsucht seiner Landsleute attackiert, um ihr schlafendes Geld zu wecken. Mit Steuervorteilen auf Erbschaften und Schenkungen, Mitarbeiterbeteiligungen und Konsumkrediten machte er die Franzosen liquide, die in der Tat ihre Sparguthaben und Anlagevermögen mobilisierten. Doch dieses Pulver ist nun verschossen.Dafür steht Gaymard vor Großbaustellen wie der Privatisierung des Strommonopolisten EDF, der schon heute seine finanziellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann. Hatte die Regierung seit 2002 Privatisierungen in Höhe von zwölf Milliarden Mark durchgesetzt, so wird der anstehende Börsengang des Atomgiganten Areva ungleich schwieriger. Denn die französische Atomindustrie will unbedingt eine neue Reaktorgeneration namens EPR bauen, während EDF-Obere unverhohlen von einer "Erpressung durch die Atom-Mafia" sprechen und an einer Überholung ihrer alten Kraftwerke interessiert sind. Und bei der Fusion des Rüstungsbetriebes Thales mit dem europäischen EADS-Konsortium protestierten die Deutschen bereits gegen das erdrückende Übergewicht der Franzosen.Größtes Handicap könnte allerdings der nächste Regierungswechsel sein, wenn Präsident Chirac nach dem Referendum zur EU-Verfassung 2005 seinen Premier Raffarin abberuft und erneut das Kabinett umbaut. Frankreich hatte in den vergangenen zwölf Jahren bereits elf Finanzminister, weshalb Gaymard nicht unbedingt auf eine längere Verweildauer hoffen kann. Einziger Trost wäre dann, wenn seine Frau Clara, mit der er acht Kinder hat, weiterhin Chefin der einflussreichen französischen Agentur für Auslandsinvestitionen bleiben könnte.