Paisley, im Dezember - Aus Schurken werden Staatsmänner, Hardliner verwandeln sich in potenzielle Friedensnobelpreisträger. Diese Gesetzmäßigkeit vieler bitterer Konflikte wird in Nordirland aufs Neue bestätigt. Der Durchbruch scheint unmittelbar bevorzustehen - eine Frist bis zum Dienstag räumten Tony Blair und Bertie Aherne den nordirischen Parteien ein. Spätestens dann müssen sich katholische und protestantische Parteien zusammengerauft haben. Die Ungeduld der Regierungschefs in London und Dublin ist verständlich. Blair und Aherne investierten viel Zeit und Mühe. Nun wollen sie endlich den Schlussstrich ziehen und die Früchte ihrer politischen Anstrengungen ernten.

Vonnöten ist vor allem anderen jene Geste, die die IRA dem moderaten Protestantenführer David Trimble sechs Jahre lang verweigert hatte - die nachvollziehbare Abrüstung ihres Waffenarsenals und die Auflösung der IRA. Die Führung der republikanischen Bewegung unter Gerry Adams ist offenbar bereit zu einem Deal mit dem protestantischen Hardliner Ian Paisley, dem Politiker also, der jahrzehntelang no surrender , keine Unterwerfung, donnerte und bis jetzt nicht bereit war, mit Sinn Fein/IRA von Angesicht zu Angesicht zu verhandeln. Weshalb Tony Blair und sein irischer Kollege Bertie Aherne oftmals als Boten zwischen den nordirischen Politikern zu fungieren hatten. Der 78jährige Reverend Ian Paisley würde im Falle des Durchbruchs neuer Premier der Belfaster Provinzregierung werden, wahrscheinlich mit Martin McGuiness, dem ehemaligen IRA-Kommandeur aus Derry, als Vize an seiner Seite.

Der Aufstieg der Paisley Partei zur stärksten protestantischen Kraft in Nordirland vollzog die Entwicklung im katholischen Lager nach: Die moderate katholische Partei Nordirlands, die SDLP, wurde von Sinn Fein überflügelt. Obgleich sie es war, die Sinn Fein/IRA den Weg zurück in die Politik ebnete und weitsichtige Kompromissvorschläge ausgearbeitet hatte. Doch selbst gemäßigte Katholiken kalkulierten, ihren Interessen sei am besten mit einer Stimme für Sinn Fein gedient, den politischen Flügel der IRA.

Auf der anderen Seite hat auch den Protestanten inzwischen gedämmert, dass ihnen aus dem Votum für die gemäßigten Unionisten David Trimbles kein Vorteil erwuchs. Weshalb Ian Paisleys demokratische Unionisten zur stärksten Kraft aufstiegen und der Reverend selbst auf seine alten Tage zur Schlüsselfigur wurde. Vor einem endgültigen Ja zu Gewaltenteilung mit Sinn Fein verlangt Paisley fotografische Evidenz für die Vernichtung der IRA Arsenale und ein Wort der Entschuldigung für die Gräueltaten der Vergangenheit. Damit hat er die letzte Hürde, die Gerry Adams und Co überspringen müssen, noch einmal erhöht. Trotzdem ist es möglich, dass Sinn Fein/IRA das Hindernis nehmen werden. Die Partei hat Ambitionen, die weit über Nordirland hinausreichen. Sie will auch in Dublin irgendwann regieren, doch das Verschwinden der IRA ist auch dafür eine Voraussetzung. Geschieht das in einer Form, die es der republikanischen Bewegung erlaubt, das Gesicht zu wahren, wird sich in der ehemaligen Bürgerkriegsprovinz auch auf politischer Ebene jene Normalisierung vollziehen, die das alltägliche Leben in Nordirland schon seit Jahren prägt. Dieser Faktor liefert den stärksten Grund für Optimismus. Die Bevölkerung will um keinen Preis zurück in die Vergangenheit.