Eine kleine Geschichte von einem Ball eines vaterländischen Vereins in Ostpreußen, lang ist’s her. Fragt die ländliche Tänzerin den Offizier, der sie über die Tanzfläche führt: „Sagen sie, sind sie auch gekommen aus Patriotismus?“ Worauf dieser antwortet: „Aber nejin, gnädiges Fräulein, ich bin jekommen aus Insterburg!“ – Schon damals also wussten manche mit dem Patriotismus wenig Praktisches anzufangen und haben das Ganze irgendwie falsch verstanden.

Warum erinnern mich der CDU-Parteitag und die aktuelle Diskussion um Leitkultur und Patriotismus an diese lustige Geschichte eines Missverständnisses. Weil es mir auch dieses Mal so vorkommt, als sei mit der Sache wenig Praktisches anzufangen.

Gut, die Sache mit dem sozusagen vernunft-liberalen Schlagwort „Verfassungspatriotismus“ hatte eine ausgesprochen vernünftige Seite – und durfte dennoch nicht völlig einseitig abstrakt verstanden werden. Verfassungspatriotismus – das ist gut, wenn damit gemeint ist: Es gibt keinen Patriotismus, keine Vaterlandsliebe, die nicht zur Kenntnis nimmt, dass unser Vaterland eben durch eine für uns alle verbindliche Verfassung erst konstituiert wird. Wir lieben – wenn dies das richtige Verb sein sollte – unser Vaterland nicht etwa obwohl, sondern weil es just so verfasst ist, wie es das Grundgesetz festhält. Es gibt keinen Patriotismus gegen die Verfassung. Wer sein Vaterland gegen die freiheitliche demokratische Verfassung lieben möchte, begeht – um dies im vollen Ernst zu sagen – Hochverrat!

Verfassungspatriotismus – das wäre eine zu blasse Sache, wenn darunter nur das Papier zu verstehen wäre, auf dem die Verfassung geschrieben wurde. Eine Verfassung lebt auch aus der bestimmten Geschichte, sie lebt nicht zuletzt aus der Erinnerung an das Leid des Lebens unter den verfassungs- und rechtlosen Zuständen ohne diese Verfassung. Sie lebt auch aus der Erinnerung an die Kämpfe zu ihrer Durchsetzung und Fortentwicklung; man denke nur daran, wie lange es gedauert hat, bis – lange nach der Verabschiedung des Grundgesetzes – die Gleichberechtigung der Frauen ernsthaft umzusetzen begonnen wurde.

Und weil eine Verfassung nur aus ihrer Vorgeschichte ganz lebendig wird, wird sie eben nicht nur irgendwo lebendig, sondern an einem bestimmten Ort, mit und in Menschen, die auch Bindungen an den Ort und dessen Geschichte haben. Aber auch das Verhältnis zu Geschichte und Ort ist ein Verhältnis, dass wir nur im Medium der aktuellen Verfassung pflegen können.

Schließlich: Wer zu uns kommt, mag zwar von irgendwoher kommen (und damit aus seinen Bindungen, Erfahrungen und Erinnerungen) - aber er kommt eben auch nicht nur irgendwo hin, sondern an einen Ort, der gestern seine Geschichte hatte und heute seine Verfassung hat. Es wäre lächerlich, von einem solchen Zuwanderer zu verlangen, er soll so tun, als habe er schon immer nur hier gelebt, gedacht und erinnert. Aber es kann sehr wohl von ihm erwartet werden, dass er nicht nur zu der geschrieben Verfassung, sondern zu all dem, was diese Verfassung lebendig werden lässt, eine Beziehung aufnimmt – und nicht etwa ganz beziehungslos, desinteressiert oder geradezu feindselig neben seinem Gastland herlebt, mittendrin in einer Parallelgesellschaft, in einer anderen Welt. Unsere neuen Bürger sollen hier Bürger sein, sie müssen sich nicht mit allem, was sie vorfinden identifizieren (tue ich übrigens auch nicht) – und nachträglich geht das ohnehin nicht; aber sie sollten sich doch für alles wirklich interessieren. Was übrigens die Kenntnis der Landessprache voraussetzt. Und wenn wir sehen, wie schlecht es – laut PISA – mit der Sprachkompetenz unserer Hauptschüler aussieht, kann die Hürde so fürchterlich hoch ja auch wieder nicht sein…

Brauchen wir aber für all dieses eine Patriotismusdebatte, wieder einmal? Jedenfalls keine derart opportunistische! Die Regierung versucht die ätzende Kritik an ihrem Regiment umzumünzen in eine sozusagen illegitime Kritik am Lande selber, als sei das Land identisch mit seiner Regierung. Und die Opposition weiß, dass sie im Falle eines Wahlsieges doch auch kaum etwas anderes tun würde als die gegenwärtige Regierung – also identifiziert sie sich gleich vorsorglich mit dem ganzen Land. Wundert es bei diesem fast zynischen Umgang mit den angeblich heiligsten Gütern der Nation (na, ja, ginge es nicht auch ein wenig bescheidener?), dass ich nur noch – Insterburg verstehe?