Vermutlich weiß nicht einmal die Union genau, wovon sie redet: Die Deutschen sollen sich für Patriotismus erwärmen. Nun dürfte das in kaum einem anderen Land schwerer gelingen als in Deutschland. Über die Trennlinie zwischen (gewünschtem) Patriotismus und (verwünschtem) Nationalismus streiten selbst Historiker. Die Interpretationsangebote, die aus der CDU und CSU gereicht werden, nehmen sich entweder auftrumpfend-aggressiv aus oder, wie bei der Parteitagsrede der CDU-Vorsitzenden Merkel, fast beliebig. Vor allem der Stolz auf noch zu leistende Reformen soll jetzt patriotisch stimmen – ohne Fleiß kein Patriotismus.

Und doch hat die Diskussion einen Sinn. Sie verrät mehr, als es den Urhebern recht sein kann. Und sie wird uns am Ende vielleicht weisen, was wir in Deutschland künftig für erstrebenswert halten – und was wir am besten gar nicht erst versuchen sollten.

Die Union braucht die Beschwörung des Patriotismus als Kitt und Surrogat. Sie ist es, die mehr Grund zum Zweifel an der eigenen Identität hat als manche Deutsche, für die sie zu sprechen vorgibt. In der Union bröckelt das Konservative. Was kann sie noch bewahren in einem Staat, der gerade gründlich umgekrempelt wird und von der CDU/CSU, ginge es nach Frau Merkel, noch radikaler reformiert werden würde? Und das ist nicht das einzige Identitätsproblem. Auch wenn man es den beiden nicht vorwerfen kann: Angela Merkel und Guido Westerwelle verkörpern nicht das Lebensgefühl all ihrer potenziellen Wähler. Es gibt konservativ-liberale Milieus, die sich in ihnen nicht wiederfinden.

Würde Friedrich Merz heute eine Partei der rechten Mitte gründen, er hätte eine Chance, das deutsche Parteiensystem durcheinander zu wirbeln und Union wie FDP Wähler abspenstig zu machen. Dass er das für die Stabilität der deutschen Demokratie keineswegs ungefährliche Experiment nicht wagt, ist entweder ein Zeichen von Loyalität oder des Abwartens. Sollte die Opposition 2006 erneut verlieren, wird sie die womöglich schwerste Erschütterung ihrer Geschichte erleben, bis hin zur Aufhebung der geografischen Trennung von CDU und CSU. Deshalb wirkt die Patriotismusdebatte, die bis zur Bundestagswahl anhalten soll, noch angestrengter als der sozialistische Budenzauber, den Franz Müntefering beim vergangenen Parteitag der SPD veranstaltete. Mit Gesang und Bergmannskapelle sollte eine Tradition beschworen werden, die in Wirklichkeit eben erst verraten worden war.

Patriotismus braucht, will er nicht zum Nationalismus degenerieren, das Bewusstsein einer halbwegs ruhmreichen Vergangenheit, die Auflehnung gegen einen Besatzer oder den Sieg über einen Unterdrücker im Inneren. Aus einer kollektiven Erfahrung der erkämpften Freiheit und Einigung erwächst ein identitäts- und demokratiestiftender Patriotismus. Die deutschen Revolutionen von 1848 (erstes gesamtdeutsches Parlament), 1918 (Abschaffung der Monarchie) und 1989 (Ende der Teilung Deutschlands) haben ihn nicht nachhaltig hervorgebracht. Die deutschen Patriotismen waren auch geprägt von Aggression nach außen und Scheitern nach innen. Schwer wiegt das Grauen des "Tausendjährigen Reiches".

Trotzdem ist es, ganz ohne Aufrufe zur Vaterlandsliebe, in den vergangenen Jahren zu einer Rückgewinnung von nationalen Selbstverständlichkeiten gekommen. Um die eigenen Opfer des Zweiten Weltkriegs darf endlich getrauert werden, weil nur noch die Wenigsten damit die deutschen Verbrechen kleinreden wollen. Auch Forderungen an Zuwanderer dürfen gestellt werden, sie sind weder fremdenfeindlich noch rassistisch. Man kann sich inzwischen sogar an deutschen Fahnen freuen, die vor einem Länderspiel zwischen Deutschland und Brasilien geschwenkt werden, auch wenn es im Berliner Oympiastadion stattfindet.