Die Schüsse des Exekutionskommandos, die in der Nacht vom 20. auf den 21.Juli 1944 durch den Hof des Berliner Bendlerblocks hallten, signalisierten nicht nur das Ende des Aufstands gegen Hitler. Sie markierten auch den Beginn eines Rachefeldzugs des NS-Regimes, der, je näher sein Ende heranrückte, desto maßloser und monströser wurde. Der Krieg im Innern gegen alles, was nur entfernt – manchmal gar fälschlich – mit Opposition in Verbindung zu bringen war, weitete sich in immer neuen Terrorwellen ebenfalls zum "totalen Krieg" aus.

Schon einen Tag nach der Erschießung Stauffenbergs und seiner Mitverschworenen hatte sich im Reichssicherheitshauptamt die Sonderkommission 20. Juli 1944 etabliert. 400 Gestapo- und Kripobeamte nahmen in den folgenden Wochen mehr als 600 Männer und Frauen fest. Viele von ihnen wurden nach Berlin überführt und dort im Hausgefängnis der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße 8, in einem besonderen Flügel des Gefängnisses in der Lehrter Straße 3, aber auch im Zellenbau des Konzentrationslagers Ravensbrück sowie in der Schule der Sicherheitspolizei in Drögen bei Fürstenberg inhaftiert und verhört.

Am 30. Juli traf sich Hitler mit dem Reichsführer SS Heinrich Himmler und dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, in der Wolfschanze. Sie koordinierten das weitere Vorgehen. Himmler notierte pedantisch wie immer: "1. Gerichtsverfahren, 2. Familie Stauffenberg, 3. Angehörige Seydlitzfamilie". Die Verfahren gegen die Verschwörer sollte die "Volksjustiz", der Volksgerichtshof unter seinem Präsidenten Roland Freisler, durchführen. In einem Schauprozess sollte Hitlers These von "einer kleinen Clique verbrecherischer Offiziere" der Weltöffentlichkeit vorgestellt werden. Doch für Offiziere der Wehrmacht wäre das Reichskriegsgericht, nicht der Volksgerichtshof zuständig gewesen. Hitler setzte daher einen "Ehrenhof" von Generalen und Feldmarschällen ein, dem unter anderem Keitel, Gerd von Rundstedt und Heinz Guderian angehörten. Am 4. August traf sich das Gremium, das mit soldatischer "Ehre" nun wahrlich nichts zu tun hatte, und schlug Hitler die "Ausstoßung" der ersten 22 Offiziere vor. Hitler stimmte sofort zu.

Tatsächlich erschien ihm das Reichskriegsgericht nicht als geeignet, obwohl es besonders unerbittlich alle Gegner des Nationalsozialismus verfolgte. Er wollte Todesurteile, möglichst rasch, durch den Volksgerichtshof.

Sippenhaft, das war das zweite Ergebnis der Besprechung am 30.Juli, wurde nicht nur gegen die gesamte Familie Stauffenberg befohlen, sondern auch gegen die Familie des seit 1943 in sowjetischer Gefangenschaft lebenden Generals Walther von Seydlitz-Kurzbach. Seydlitz war bereits im Frühjahr 1944 vom Reichskriegsgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden, weil er den Bund Deutscher Offiziere mitbegründet hatte, der für ein sofortiges Ende des Krieges warb. Mit diesen beiden Entscheidungen begannen willkürliche Festnahmen von über 180 Angehörigen der Widerstandskämpfer, die am 20. Juli beteiligt gewesen waren oder das Manifest des Nationalkomitees Freies Deutschland in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft unterzeichnet hatten.

Während viele erwachsene Sippenhäftlinge jetzt eine Odyssee durch Gefängnisse und Konzentrationslager antreten mussten, wurden etwa 50 Kinder in ein geräumtes Erholungsheim der NS-Volkswohlfahrt im Harz-Kurort Bad Sachsa eingeliefert. 16 von ihnen wurden dort erst am 4.Mai 1945 von der USArmee befreit, die anderen waren vorher ihren Müttern zurückgegeben worden – viele der Väter waren allerdings in der Zwischenzeit der NS-Justiz zum Opfer gefallen. Die Tochter des Diplomaten Ulrich von Hassell, Fey Pirzio-Biroli, hatte man mit ihren kleinen Söhnen im September 1944 in Italien verhaftet, in Innsbruck nahm man ihr die Kinder weg. Ulrich von Hassell wurde am 8. September zum Tode verurteilt und am selben Tag noch in Plötzensee ermordet. Erst Monate nach Kriegsende konnte Fey Pirzio-Biroli ihre Kinder wieder in die Arme schließen.

Was als neue Repressionsmaßnahme gegen eine kleine Gruppe begann, sollte rasch ausgeweitet werden. In einem Befehl Generalfeldmarschall Keitels vom 19. November 1944 heißt es: "Im entscheidenden Stadium unseres Existenzkampfes sind einige ehrlose Elemente zum Feind übergelaufen, um sich dem Kampf zu entziehen und ihr armseliges Leben in Sicherheit zu bringen […] Der anständige Soldat […] verachtet solche eidbrüchigen Lumpen und erwartet, daß rücksichtslos gegen sie und ihre Sippe vorgegangen wird. […] Die Sippe rechtskräftig zum Tode verurteilter Überläufer haftet für das Verbrechen des Verurteilten mit Vermögen, Freiheit oder Leben. Den Umfang der Sippenhaftung im Einzelfalle bestimmt der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei."

Wie es Hitler befohlen hatte, fand bereits am 7. und 8. August der erste Prozess gegen Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben, Generaloberst Erich Hoepner, Generalleutnant Paul von Hase, Generalmajor Helmuth Stieff, Hauptmann Friedrich Karl Klausing, Oberstleutnant Robert Bernardis und die Oberleutnante Peter Graf Yorck von Wartenburg und Albrecht von Hagen statt, der mit Todesurteilen für alle Angeklagten endete. Mit einer Kamera, die schlecht durch eine Hakenkreuzfahne hinter Freisler getarnt war, zeichnete man die gesamte Verhandlung auf. Die Filme, die in der NS-Zeit nur wenigen vorgeführt wurden, geben einen Eindruck von der hasserfüllten Verhandlungsführung Freislers, aber auch vom Mut der Angeklagten. Sie hatten keinen Anwalt ihrer Wahl; erst kurz vor der Verhandlung bekamen sie und ihre Pflichtverteidiger überhaupt Einsicht in die Anklage. Über den ersten Prozess wurde in den Zeitungen ausführlich berichtet, Passagen des Protokolls wurden wörtlich abgedruckt. Es war der Auftakt zu einer Serie von mehr als 50 Prozessen, die mit über 110 Todesurteilen endeten. Dabei traf es auch die Fluchthelfer und Unterstützer der Verschworenen. Zu ihnen zählte das Ehepaar Elisabeth und Erich Gloeden, die den General der Artillerie Fritz Lindemann mehr als fünf Wochen bei sich versteckt hatten. Gemeinsam mit Elisabeth Gloedens Mutter Elisabeth Kuznitzky wurden sie, nach kurzem Volksgerichtsprozess, am 30. November hingerichtet.

Am Nachmittag des 8. August 1944 kamen die im ersten Prozess zum Tode Verurteilten nach Plötzensee. Hier baute man in der Hinrichtungsbaracke noch Kameras auf, bevor die Urteile vollstreckt wurden. Der Stahlträger, der mit acht Haken als Galgen diente, war bereits 1942 eingebaut worden. Am 22. Dezember jenes Jahres hatte man hier Harro Schulze-Boysen, Arvid Harnack, John Graudenz und den Bildhauer Kurt Schumacher gehängt – Mitglieder einer Berliner Widerstandsgruppe, die von den Nationalsozialisten "Rote Kapelle" genannt worden war, da sie nicht nur Flugblätter verbreitet hatte, sondern zudem bereit gewesen war, Nachrichten an die Alliierten, auch die Sowjetunion, weiterzugeben.

Die Exekutionen des 8. August 1944 begannen um 17.25 Uhr. Zunächst wurde, als Ranghöchster, Witzleben gehängt, dann folgten, im Abstand von jeweils drei Minuten, Hase, Hoepner und Stieff, Bernardis, Klausing, Hagen und als Letzter um 17.46 Uhr Peter Graf Yorck von Wartenburg. Die Kameraleute zeichneten alles auf; die Spuren dieses Filmes verlieren sich im Februar 1945 in Goebbels’ Panzerschränken. Insgesamt starben in Plötzensee bis zum März 1945 90 Beteiligte des Umsturzversuches vom 20. Juli durch den Galgen oder das Fallbeil.

Doch auch bereits lange zuvor verhaftete Oppositionelle sollten jetzt den Tod erleiden. Zwischen dem 9. und 11. Januar 1945 fand der Prozess gegen die Angehörigen des Kreisauer Kreises statt. Helmuth James Graf von Moltke, der seit Januar 1944 im Gefängnis saß, schrieb an seine Frau Freya: "Wir werden gehenkt, weil wir zusammen gedacht haben." Dieses Denken hatte radikale Entwürfe für die Zukunft Deutschlands hervorgebracht, die eine "Bestrafung der Rechtsschänder" ebenso vorsahen wie die friedliche Zusammenarbeit aller Völker Europas. Gemeinsam mit dem früheren bayerischen Gesandten in Berlin Franz Sperr und dem Jesuitenpater Alfred Delp wurde Moltke am 11. Januar zum Tode verurteilt; wenige Tage später folgte das gleiche Urteil gegen den sozialdemokratischen Journalisten Theodor Haubach und den katholischen Gewerkschafter Nikolaus Groß. Sie wurden ebenso wie der Zentrumsmann und ehemalige württembergische Ministerpräsident Eugen Bolz am 23. Januar 1945 in Plötzensee ermordet, lediglich der zusammen mit Groß und Haubach verurteilte Theodor Steltzer konnte die Haft überleben.

Der Kreis der Opfer erweiterte sich stetig. Schon am 14. August 1944 hatten sich Hitler und Himmler in der Wolfschanze erneut getroffen und beschlossen, den Vorsitzenden der KPD, Ernst Thälmann, ermorden zu lassen, der dann am 18.August im KZ Buchenwald erschossen wurde. Weitere führende deutsche Kommunisten, Franz Jacob, Anton Saefkow und Bernhard Bästlein, starben einen Monat später in Brandenburg-Görden unter dem Fallbeil.

Himmler hielt in seinen Notizen vom 14. August auch den Auftrag zur "Verhaftung [der] S.P.D. u. K.P.D. Bonzen" fest. Dies war kein spontaner Entschluss, sondern Hitler hatte bereits im April 1942 angekündigt, "wenn heute irgendwo im Reich eine Meuterei ausbreche", so werde er sie mit "Sofortmaßnahmen" beantworten. "Noch am Tage der ersten Meldung" wolle er "alle leitenden Männer gegnerischer Strömungen, und zwar auch die des politischen Katholizismus, aus ihren Wohnungen heraus verhaften und exekutieren lassen", alle Insassen der Konzentrationslager würde er "innerhalb von drei Tagen erschießen lassen; alle kriminellen Elemente, gleichgültig, ob sie zur Zeit in Gefängnissen wären oder sich in Freiheit befänden", würde er aufgrund der vorhandenen Listen ebenfalls "binnen drei Tagen zur Exekution sammeln und erschießen lassen".

Tatsächlich kam es im Herbst 1944 zu Massenverhaftungen. Ziel der "Aktion Gewitter" war es, die Neubildung jeder demokratischen Opposition aus den Strukturen der Parteien der Weimarer Republik zu verhindern. Auch prominente Politiker wie Konrad Adenauer und Kurt Schumacher wurden (erneut) festgenommen.

In der Bevölkerung stießen die Verhaftungen – immerhin wurden 5000 Menschen in die Konzentrationslager eingeliefert – auf Unverständnis. Sogar höhere NS-Funktionäre beschwerten sich. Bereits am 28. August stellte Gestapo-Chef Heinrich Müller fest, dass die "Aktion Gewitter" nicht die gewünschte Wirkung erzielt habe: "Bei der Festnahme der kommunistischen, sozialistischen und schwarzen Funktionäre wurde offenbar verschiedentlich recht formal vorgegangen, ohne dass die seitherige Haltung des Festgenommenen und seines Familienkreises in Betracht gezogen war. Aus sehr vielen Gauen sind lebhafte Klagen hierüber eingegangen, die das tatsächlich erkennen lassen."

Die meisten Festgenommenen kamen nach zwei bis vier Wochen wieder frei. Die Aktion war ein Fehlschlag gewesen, da sie an der "Heimatfront" Unruhe auslöste. Doch für die Opfer hatte sie oft furchtbare Folgen: Viele, wie die Beispiele der Reichstagsabgeordneten Otto Gerig, Karl Mache oder Heinrich Jasper zeigen, überlebten die Misshandlungen und Entbehrungen nicht.

Am 5. April 1945 gab Himmler die Anweisung, dass der Widerstandskämpfer Georg Elser, dessen Bombe Hitler 1939 im Münchner Bürgerbräu nur knapp verfehlt hatte, nicht lebend in die Hände der Alliierten fallen dürfe. Wie die Attentäter des 20. Juli sollte auch er in einem Schauprozess abgeurteilt werden, allerdings erst nach dem "Endsieg". Am 9. April 1945 wurde Georg Elser im KZ Dachau erschossen.

Jetzt, da das Ende des Regimes abzusehen war, ließ man die juristische Maske fallen. So wurden auch etliche Angehörige des Amtes Ausland/Abwehr, die, des Widerstands verdächtigt, in die Fänge der Gestapo geraten waren, auf Befehl in den Tod geschickt. Abwehrchef Wilhelm Canaris, seinen Stabschef Hans Oster und den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, dessen Widerstandsarbeit durch seine Tätigkeit für die Abwehr gedeckt worden war, verlegte man im Februar 1945 in das KZ Flossenbürg und hängte sie dort nach dem Urteil eines SS-Standgerichts am 9. April zusammen mit weiteren Gefangenen. Hans von Dohnanyi, ein enger Mitarbeiter von Canaris, war lange Zeit in der Prinz-Albrecht-Straße inhaftiert und wurde am selben Tag im KZ Sachsenhausen ermordet. Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg, der ebenfalls in der Zentralabteilung der Abwehr tätig gewesen war und ein Netz von Kontakten zwischen den zivilen und militärischen Kreisen der Verschwörung errichtet hatte, erschoss man noch in der Nacht vom 23. auf den 24. April in der Nähe des Berliner Gestapo-Gefängnisses Lehrter Straße.

Hier wurden zwischen dem 22. und 24. April insgesamt 18 Häftlinge ermordet; darunter Dietrich Bonhoeffers Bruder Klaus und Albrecht Haushofer. Im Gefängnis hatte Haushofer in seinem Sonett Gefährten der bereits hingerichteten Freunde gedacht: "Den Weggefährten gilt ein langer Blick: / Sie hatten alle Geist und Rang und Namen, / die gleichen Ziels in diese Zellen kamen – // und ihrer aller wartete der Strick. / Es gibt wohl Zeiten, die der Irrsinn lenkt. / Dann sind’s die besten Köpfe, die man henkt."

Je näher die Front der alliierten Truppen rückte, desto weniger Grenzen waren der administrativen Form des Mordens durch die Gestapo gesetzt: Exekutionen von Zwangsarbeitern konnten seit Februar 1945 die Leiter von Staatspolizeistellen eigenständig anordnen, bei "Reichsdeutschen" hatten sie sich mit dem Höheren SS- und Polizeiführer im Wehrkreis "abzustimmen".

Die Gestapo nutzte diese Ermächtigung in großem Umfang. Dies begann im "feindgefährdeten" rheinischen Raum ebenso wie im Osten Deutschlands. Nur einige Beispiele seien genannt: Als die Gefahr bestand, dass die Häftlinge des Zuchthauses in Sonnenburg bei Küstrin durch die Rote Armee befreit werden würden, ermordeten Gestapo-Kommandos am 30. und 31. Januar 1945 mindestens 753 Häftlinge. Im Raum Dortmund wurden allein zwischen dem 7. März und dem 9.April 1945 in acht Exekutionen mindestens 230 Menschen von Gestapo-Kommandos ermordet. Zwischen dem 3. und 5.April wurden in Weimar 149 Häftlinge des Landgerichtsgefängnisses erschossen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Die Gestapo folgte hier ihrem Vorgehen in den besetzten Gebieten, als sie etwa im Juli 1944 in Bia¬ystok oder im Januar 1945 in Radom Hunderte von Gefängnisinsassen ermordet hatte.

Was mit der Verfolgung der Verschwörer vom 20. Juli begonnen hatte, steigerte sich so zu einer Orgie des Terrors. Zuletzt ging es nicht mehr nur um aktive Widerständler, nicht mehr nur um "Defätisten" und "Wehrkraftzersetzer" (zu denen jeder zählte, der nur vage Zweifel am "Endsieg" äußerte) – jetzt ging es darum, alles zu vernichten, was sich dem Untergang entgegenstellte.

Ganz ähnlich wie das Regime einst versucht hatte, in den besetzten Ländern, in Polen oder in der Sowjetunion, die politischen Eliten auszulöschen, so durfte jetzt keiner der "besten Köpfe" des eigenen Landes das Ende des "Dritten Reiches" überleben. Nach dem Abgang des NS-Regimes von der Bühne der Geschichte sollte es keinen Staat mehr auf deutschem Boden geben und jeder politische Neuanfang unmöglich sein.