Vom Bahnhof führt ein Beton-Rondell zum See. Bregenz im Dezember ist ein trostloser Anblick. Von den Touristenmassen, die im Sommer die österreichische Stadt in Vorarlberg bevölkern, keine Spur. Nicht am Hafen, nicht am Bahnhof, nicht in der 28.000 Einwohner zählenden Stadt. Nur ein paar Hinweisschilder scheinen übrig geblieben: Wegweiser durch ein tristes, winterliches Seeareal. Rechts der Hafen und eine verlassene Minigolf-Anlage, links das Mercure-Hotel und das Casino, wo sich an diesem frühen Freitagmorgen die hauseigene Showkapelle an einem neuen Programm versucht. Gähnende Leere vor der Bühne und Müdigkeit um die Augen. Musikalische Innovationen werden anderswo einstudiert. Ein Rentner führt seinen Hund aus und beobachtet das Treiben durch die Scheiben des Pavillons.Nur ein Steinwurf entfernt, am Eingang des Festspiel- und Kongresshauses, stehen sich zwei Dutzend Menschen die Beine in den Bauch. Es ist noch nicht einmal neun Uhr früh und manche von ihnen sind schon seit acht Uhr da. Nein, es geht nicht um Karten für Giuseppe Verdis Oper "Der Troubadour", die im kommenden Sommer in der Inszenierung von Robert Carsen auf der Bregenzer Seebühne Premiere feiern wird. Frau Beck, eine Frau um die sechzig, und ihre Freundin sind aus dem Allgäu angereist. Im Sinn haben sie, wie all die anderen hier, nur eines: Schnäppchen. Die Bregenzer Festspiele bitten zum "Abverkauf", zum Verkauf von Kostümen und Requisiten aus dem Fundus. Alle zwei Jahre lädt das Bregenzer Festspielhaus zu diesem Ritual – mit wachsendem Erfolg. Die interessantesten Stücke sind bereits zuvor online auf der Festival-Homepage verkauft worden: das Spitzenkleid der Heldin aus der "West Side Story" etwa oder die "Dance-Kostüme" ihrer Bühnenkollegen, der Sharks und der Jets. Es fällt schwer zu glauben, dass die benjaminsche Aura des Originalkunstwerks mitschwingt, wenn die Theater- und Opernfreunde binnen Stunden online die besten Stücke aus "La Bohème", der "West Side Story" oder "Der Protagonist / Royal Palace" ausverkaufen. "Man holt sich mit so einem Kostüm ein Stück von der großen Theaterbühne, ein Unikat, nach Hause", resümiert Axel Renner, Pressesprecher des Bregenzer Festspielhauses, die Beweggründe der Schnäppchenjäger und hat damit nur zum Teil Recht. Die Wirklichkeit ist weitaus profaner.Die Frauen, größtenteils um die fünfzig, die, kaum ist der Eingang geöffnet worden, die Treppen hinauf zum Seefoyer stürmen als würde dort Richard Gere für ein Tête-à-tête warten, haben anderes im Sinn. Sie wühlen sich wie beim Winterschlussverkauf durch Plastikblumen, Haarklammern und rote Stringtangas. Es gibt Tüllröcke für drei und fünf Euro und geschmacklose, hellblau-karierte Jacketts für zehn. Passend zur Jahreszeit sind in der Nähe des Eingangs Nikolausmäntel samt Bart (20 Euro) zu erweben, gleich neben Wickeljacken in den Farben des Regenbogens und neongefärbten Bodies (7 Euro). Was macht man mit solchen Stücken? Im Keller im Schrank des Grauens verstauen oder vor Freunden als Modesünden aus Jugendtagen ausgeben?"Ich brauche die Dinge für Fasching", sagt eine Frau mit kurzen Haaren und roten Bäckchen, die über ihrem Arm Kleider bis zur Nasenspitze getürmt hat. Ein Ballkleid ragt heraus und verströmt so etwas wie Glamour von der Stange. Nach zwei Stunden hat sich der erste Ansturm gelegt. An der Kasse stehen vollgepackte Schnäppchenjägerinnen mit zufriedenen Gesichtern. Die Schlange windet sich durch das halbe Foyer. Für den Dodge, Baujahr 1968, der für 1000 Euro verkauft werden soll, hat sich ein Interessent gemeldet. Der schwarzer Schwan aus Weils "Der Protagonist / Royal Palace", der schräg gegenüber der Kasse platziert ist, scheint unbeachtet das Treiben zu verfolgen.Im Hintergrund wird bereits an der Seebühne gearbeitet. Im Casino probt noch immer eine mittelprächtige Stimmungskapelle. Fahle Gesichter glitzern durch die beschlagene Scheibe, während in der Kälte draußen vor dem Mercure-Hotel eine überdimensionale, aufblasbare Champagnerflasche sinnlos in den Himmel ragt - gleichgültig.