Düsseldorf

Härter lässt es sich kaum formulieren. Die Partei werde sich irgendwann noch nach Helmut Kohl zurücksehnen, hat Wolfgang Schäuble Angela Merkels Düsseldorfer Auftritt bilanziert. Schäuble ist mit Kohl verfeindet, seit der ihn zu Beginn des Jahres 2000 mit in den Abgrund der Spendenaffäre zog. Dass der Nachfolger nun ausgerechnet den Alten zum Kronzeugen gegen Angela Merkel aufruft, lässt ahnen, wie zerrüttet es inzwischen an der Spitze der Union zugeht. Aber Schäubles Worte am Rande des Düsseldorfer Parteitages erinnern eben auch daran, dass es der CDU bis heute nicht gelungen ist, das Vakuum zu füllen, das Kohl hinterlassen hat. Denn brutal – und nicht einfach abwegig – ist Schäubles Verdikt ja nur wegen des Körnchens Wahrheit, das in ihm steckt.

Der Mann weiß, wovon er spricht. Er selbst ist an der Aufgabe, Kohls glorreiches Patriarchat in der Partei vergessen zu machen, ebenso gescheitert, wie er es nun von Angela Merkel behauptet. Zu kalt und zu intellektuell – so wurde in der Partei damals sein Führungsstil kommentiert. Zu kalt und zu technokratisch – so lautet heute die Kritik an Merkel. Schäuble, der selbst der Macht des gefallenen Patriarchen nicht standhielt, stellt nun die Nachfolgerin unter dessen schwarzen Schatten. Und so geben Schäubles giftige Worte einen Moment lang den Blick frei auf die wahren Zustände hinter der langweilig-ritualisierten Fassade eines ordentlichen Parteitages.

Ihre Kanzlerkandidatur gilt nun als sicher

Angela Merkel, vor einem Jahr die "Winterkönigin" von Leipzig – nun ist sie also doch wieder auf die Rolle der frostigen Vorsitzenden zurückgeworfen. Aber auch die CDU ist längst keine Wärmestube mehr. Die Emotionen, die sie sich leistet, sind eher bitterer Natur. Ansonsten wird unsentimental kalkuliert. Befremdlich hört es sich an, wie in der Partei schon heute das Schicksal der Vorsitzenden vermessen wird. "Wenn sie scheitert, ist sie weg", urteilen Merkel-Freunde wie -Gegner über ihre Perspektiven nach einer Niederlage bei der Bundestagswahl 2006. Auf Zuneigung, so scheint es, kann die Parteichefin, die jetzt um ihrer Partei willen häufig von der Liebe zum Land spricht, in den eigenen Reihen kaum rechnen. In der CDU herrscht allseits kühler Realismus.

Aber wahrscheinlich denkt die Vorsitzende über ihre Zukunft ganz ähnlich. Natürlich kann sie scheitern. Aber wichtiger ist für sie, dass ihre Kanzlerkandidatur nun als sicher gilt. Die Nominierung wird nur noch hinausgezögert, weil niemand in der CDU schon wieder die bayerische Schwesterpartei vor den Kopf stoßen will. Und auch aus dramaturgischen Gründen wäre eine Kandidatenausrufung zwei Jahre vor der Wahl ziemlich sinnlos. Dennoch ist ein Szenario unwahrscheinlich geworden, in dem einer von Merkels Konkurrenten, Roland Koch oder Christian Wulff, doch noch vor 2006 die Spitzenposition für sich reklamieren könnte.

Erinnert man sich an den Leipziger Parteitag vor genau einem Jahr, als die CDU ihren Reformaufbruch euphorisch feierte, inszeniert sie sich heute in disziplinierter Nüchternheit. Auf "ein erfolgreiches Jahr" blickt die Vorsitzende zurück, "ein verlorenes Jahr" erinnert Schäuble. Doch ob das schönfärberische oder das unerbittliche Urteil stimmt, die Partei wirkt erschöpft, die sich da in die Weihnachtspause rettet. Zermürbend war natürlich der Streit mit der Schwesterpartei. Aber auch der Vorgeschmack auf eine radikale Reformpolitik, die in der Partei nicht weniger Unbehagen freisetzt als im Lande selbst, hat der Union arg zugesetzt.

Und Angela Merkel lässt ja nicht locker. Wer geglaubt hatte, sie werde wegen des frustrierenden Streits in der Union, des Sträubens der eigenen Partei oder der Schwierigkeiten beim Verkaufen der Reformen ihren Anspruch abschwächen, sieht sich getäuscht. "Es muss sich grundlegend etwas ändern, damit es grundlegend besser wird." Das bleibt ihr Credo. Natürlich gibt es auch neue Töne, ein sichtliches Bemühen, den Erwartungen und Stimmungen der Partei entgegenzukommen. Merkel zeigt die Bereitschaft, mit Werten, Religion und einem Schuss patriotischen Stolzes das spröde Reformthema für die CDU mundgerechter zu machen. Nur das Thema an sich und ihr Selbstverständnis als führende Reformerin stehen nicht zur Debatte. Und so wird noch die jüngste Mode der Union, der Patriotismus, unter Merkels nüchternem Blick zu einer Art Reform-Metaphysik: Die Liebe zum Land als Ursprung und Zweck aller Anstrengungen. Man kann leicht den Eindruck gewinnen, nur wenn Land und Partei endlich wieder ordentliche Leistungen erbrächten, dürften beide der Zuneigung der Vorsitzenden und Kanzleraspirantin sicher sein. Spitze werden! – das bleibt Programm.