Für Sean Harrigan ist klar: Er ist ein Opfer des Terminators. Der Präsident von Calpers, des größten öffentlichen US-Pensionsfonds, der die Altersruhegelder der Angestellten im öffentlichen Dienst Kaliforniens verwaltet, hat nach knapp zwei Jahren an der Spitze der mächtigen Institution vergangene Woche sein Mandat verloren. Bei der routinemäßigen Abstimmung im fünfköpfigen Personalrat, der den Präsidenten bestimmt, unterlag Harrigan mit drei Gegenstimmen. Harrigan glaubt zu wissen, wer dahintersteckt – Arnold Schwarzenegger, der einst als der "Terminator" zu Hollywood-Ruhm kam. In seiner Rolle als Gouverneur Kaliforniens habe der Ex-Bodybuilder seine Muskeln spielen lassen. "Corporate-Governance-Gegner wollen die Stimme von Calpers zum Schweigen bringen, die sich immer für die Anteilseigner und gegen die Gier der Manager stark gemacht hat", klagte Harrigan öffentlich. Als "paranoide Verschwörungstheorien" wehrte ein Sprecher des Gouverneurs dagegen die Vorwürfe ab.

Harrigans Rauswurf bei Calpers ist das jüngste Anzeichen des wachsenden Widerstands von Managern und Unternehmen gegen Kontrollansprüche von Aktionären und Behörden. "Harrigans Abwahl bedeutet ein Zurückdrängen von Corporate Governance. Je weiter wir uns von den Bilanz-Skandalen entfernen, desto geringer das öffentliche Interesse, und so können interessierte Kreise weitere Reformen wirksam verhindern oder gar bereits beschlossene Maßnahmen wieder aufheben", fürchtet Lucian Bebchuk, Rechtsprofessor an der Harvard Law School. Bebchuk hält die Pensionsfonds für die einzigen institutionellen Anleger, die wegen ihres extrem langfristigen Engagements genügend Einfluss und Motivation hätten, sich für unternehmensinterne Reformen einzusetzen. Verwaltern von privaten Investmentfonds fehlt dazu der Anreiz – bei Problemen verkaufen sie in der Regel die Aktie, statt sich mit dem Management anzulegen.

Der abgewählte Harrigan gilt als einer der schärftsten Kämpfer für mehr Kontrolle der Aktionäre über Manager. Der 57-Jährige forderte, davongaloppierende Managergehälter zu begrenzen, und kritisierte massiv die Clubatmosphäre in Aufsichtsräten, in der sich Manager untereinander Posten und Geschäft zuschieben. Dass seine Forderungen Gehör fanden, liegt an der Bedeutung von Calpers. Die Abkürzung steht für California Public Employees’ Retirement System. Zurzeit beläuft sich das verwaltete Fondsvermögen auf 177 Milliarden Dollar. Das enstpricht knapp dem Bruttoinlandsprodukt von Portugal. Damit zählt Calpers zusammen mit der Schwesterorganisation Calsters, die die Pensionen der Lehrer verwaltet, zu den größten Kunden der Wall Street.

"Wo sitzt der 500-Pfund-Gorilla? Antwort: Wo es ihm passt", witzelt die Finanzgemeinde nur halb im Scherz. Wie weit der Arm von Calpers reicht, erfuhr Richard Grasso, Vorstandschef der New York Stock Exchange, im vergangenen Jahr. Der Chef der New Yorker Leitbörse hatte sich ein Gehaltspaket von 187 Millionen Dollar gesichert. Und Grasso – der gern als Mr. Wall Street posierte – hielt, auch nachdem dieser skandalöse Vertrag bekannt geworden war, trotz des Skandals an seinem Posten fest. Bis Phil Angelides, Schatzmeister Kaliforniens und Oberaufseher von Calpers, vor laufender TV-Kamera seinen Kopf forderte. Am nächsten Tag räumte Grasso sein Büro.

Zur Gallionsfigur für Corporate Governance wurde Calpers durch die Skandale der vergangenen Jahre. Der Fonds gehörte zu den Geschädigten beim Zusammenbruch des Energiehändlers Enron und der Pleite der Telefongesellschaft Worldcom. Insgesamt haben Calpers und Calsters nach Berechnungen des Finanzdatendienstleisters Bloomberg rund 850 Millionen Dollar verloren. Kritiker warfen den Fondsverwaltern vor, ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt und geschlafen zu haben. Seither vergeht kaum eine Woche, in der sich Calpers nicht mit unangenehmen Fragen oder gar Vorwürfen bei Managern von Unternehmen meldet. Einmal jährlich veröffentlicht der Fonds außerdem eine Schwarze Liste von Unternehmen, die nach Ansicht der Calpers-Analysten Managementprobleme haben. Harrigan war bei diesen Aktivitäten eine der treibenden Kräfte.

Während Anhänger Harrigans beklagen, ein scharfer Kritiker von Managerexzessen sei durch eine Intrige mundtot gemacht worden, sehen Wirtschaftsvertreter einen politisch motivierten Eiferer aus dem Verkehr gezogen. In die Schlagzeilen geriet der Calpers-Präsident zu Beginn des Jahres durch den Streit um den Entertainmentkonzern Walt Disney. "Wir haben eine Menge Zweifel, ob Michael Eisner in der Lage ist, das Unternehmen effektiv zu managen", urteilte der Calpers-Boss öffentlich über den Disney-Chef, einen der mächtigsten Männer Hollywoods. Bei der Hauptversammlung des Entertainmentkonzerns im März dieses Jahres stimmten 45 Prozent der Aktionäre nicht für Eisner – nachdem Harrigan erklärt hatte, man habe das Vertrauen in ihn verloren. Eine derartige Demütigung hatte noch kein US-Topmanager hinnehmen müssen. Mangels Gegenkandidaten liegen ihre Mehrheiten selten unter 95 Prozent. Eisner, der seit 20 Jahren der absolute Herscher im Disneyreich war, blieb zwar weiter geschäftsführender Vorstand, doch er verlor sein Mandat als Chef des Aufsichtsrats.

850 Millionen Dollar Verlust mit Papieren von Enron und Worldcom

Sean Harrigans Kritikern aus dem Unternehmerlager gilt zudem seine Doppelrolle im Streit um die Supermarktkette Safeway als Beweis eines eindeutigen Machtmissbrauchs. Die United Food & Commercial Workers Union, die Gewerkschaft des Lebensmittelhandels, lieferte sich einen heftigen Arbeitskampf mit dem Safeway-Management. Das fährt einen radikalen Streichkurs, um mit dem gewerkschaftsfreien Discounter Wal-Mart mithalten zu können. Harrigan ist jedoch nicht nur Präsident bei Calpers, er ist gleichzeitig Funktionär der United Food & Commercial Workers Union. Und Calpers schloss sich im Mai den Gewerkschaftsfonds an, die – allerdings erfolglos – eine Ablösung des Safeway-Chefs forderten. Ihre Begründung: Das schlechte Arbeitsklima bei Safeway schädige aus Investorensicht das langfristige Abschneiden der Aktie.