An Robert Schumann haben sich die Gelegenheitspsychologen fürchterlich ausgetobt. Weil er im August 1844, im letzten Leipziger Jahr, seinen bis dahin übelsten Zusammenbruch hatte, Angst vor hohen Bergen, Metallwerkzeugen und Vergiftung, wird danach gern der Spätstil angesetzt als eine von zunehmendem Verfall gezeichnete Periode, an deren Ende das Sanatorium steht.

Gemeinplätze wie der vom Genie, das sich zum Talent heruntergewirtschaftet habe, halten sich zäh. Auch wo Kritik am verbleichenden Furor nur den Noten gilt, scheint sie sich immer auch übers Krankheitsbild legitimieren zu wollen: Regression zum Biedermeierkomponisten und zum Suizidgefährdeten, kein Wunder, dass der Gepeinigte zum Ende hin sein Heil in Märchenbildern sucht.

Passt doch alles.

Gar nichts davon passt, wenn Bratschistin Tabea Zimmermann diese Märchenbilder des 41-Jährigen spielt. Das sind nur auf den ersten Blick ganz schlichte Charakterstücke, in denen man Harfner, Ritter und derlei mehr Ludwig-Richtersche Genregestalten erkennen könnte, die traulich ins Bürgerzimmer blicken. Aber bei Richter fließen weder Blut noch Tränen, während bei Schumann der kleine Rahmen die Extreme schärft. Tabea Zimmermann vertieft sich in jeden Ton mit einer Hingabe, Neugier, Inbrunst und Sensibilität, die zeigt, was alles hier geballt und verborgen ist. Zu Beginn ein beschwörender Gesang zwischen Verzagtheit und Zuversicht, während Hartmut Höll am Klavier eine distanziertere, aber dabei auch vertiefende Perspektive liefert.

Und dann geht es in eine Fanfarenraserei, die alle Ritterspiele weit hinter sich lässt. Hier ist das Herz das Schlachtfeld, es wird mal aufgerissen und mal mit einem Hammerschlag gesprengt, die Saiten krachen, die Synkopen jagen nach oben wie auf einer Flucht, die nur mit Absturz enden kann. Und wie in den weniger populären Märchen gibt es kein Happy End, überhaupt kein Ende, nur einen fatalistisch knappen Kommentar, eigentlich ein Büchnersches So lebte er hin. Im dritten Stück begleitet das Klavier gleichsam einen Balladensänger, der nicht mehr da ist, dafür sind in wilden Bratschentriolen die Triebe unter der Märchenwelt zu hören. Zimmermann und Höll spitzen das Stück so zu, dass man es als wortlose und wahnwitzige Parallele zum Erlkönig hören kann. Dieser Getriebenheit folgt final die Depression. Schwerkraft zieht alles so nach unten, dass immer wieder Bögen zerbrechen - notiert wie gespielt.

Die andern Stücke dieser CD (Capriccio 67 123) hat Schumann eigentlich nicht für Bratsche geschrieben. Aber durchaus für Tabea Zimmermann. Sie lässt Töne hauchen und fauchen, knurren und singen, manche sind so üppig, dass man sich davon ernähren kann, andere verwehen. Hier hört man alles. Nur keinen Komponisten, der seinen Visionen und Obsessionen nicht gewachsen wäre.