Wolfgang Thierse wünscht sich, dass alle Politiker diesen Bericht genau lesen. Das würde es ihnen erleichtern, in der Debatte um Zuwanderer und Integration, Patriotismus und Leitkultur weniger zu vereinfachen. Dieser Bericht, Deutsche Zustände, der dritte Band in dem von Wilhelm Heitmeyer geleiteten Projekt zur Erforschung menschenfeindlicher Mentalitäten in Deutschland, referiert die neuesten Forschungsergebnisse des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (ZEIT Nr.

50/04). Jetzt wurde er in Berlin vorgestellt.

Es geht darin um ablehnende, aggressive und zum Teil gewaltbereite Einstellungen gegenüber Minderheitengruppen im Lande - Fremde im Allgemeinen, Muslime und Juden im Besonderen, Obdachlose, soziale Randgruppen, Homosexuelle. Nach dieser dritten qualitativen Umfrage war es den Forschern nun möglich, auch sich andeutende Entwicklungen zu skizzieren. Danach kann man nicht gerade behaupten, die Deutschen würden allmählich xenophiler. Daran seien, das meinen viele, die Fremden und Anderen selbst schuld. Nicht zuletzt, na, wer wohl?, die Juden.

Das jüngste Forschungsfeld ist die Islamophobie, das älteste der Antisemitismus. Da haben die Bielefelder sich ein bisschen vorgewagt. Den klassischen Antisemitismus sehen sie, relativ stabil, bei Werten bis zu 20 Prozent der Bevölkerung, was manche als gutes Zeichen werten. Daneben aber spürten sie einer Reihe jüngerer antisemitischer Phänomene nach, zum Beispiel Kritik an Israels Palästina-Politik, wozu auch der Vergleich mit der Judenpolitik der Nazis zählt. Auf diesen Skalen liegen die antisemitischen Anteile zum Teil bei deutlich mehr als 50 Prozent. Der Bundestagspräsident wandte zu Recht ein, manche der Fragen seien suggestiv gewesen. Gleichwohl reagierte die israelische Öffentlichkeit sogleich alarmiert.

An dem Buch wirkte übrigens auch die Schauspielerin Iris Berben mit, bekannt für ihr Engagement gegen den Antisemitismus. Auf der Buchvorstellung wünschte sie dem Projekt Deutsche Zustände, es möge überflüssig werden. Dem Projektförderer Thierse aber schwante: Deutsche Zustände wird es immer geben.