Wenn ich bei meinen gelegentlichen Besuchen in Deutschland mit Wissenschaftlern und Freunden zusammentreffe, spüre ich bei ihnen viel Wertschätzung für Deutschland. Keine Spur von Verzagtheit. Möglicherweise habe ich aber auch einen untypischen Bekanntenkreis, was auch damit zu erklären wäre, dass ich mich ungern mit Hypochondern umgebe.

Weil ich seit vielen Jahren im Ausland lebe, verfolge ich die Außenpolitik meines Heimatlandes besonders aufmerksam. Die Deutschen machen ihre Sache gut. Insbesondere die Entscheidung, sich aus dem Irak-Krieg herauszuhalten, hat sich als sehr richtig erwiesen. Die Unterscheidung des amerikanischen Verteidigungsministers Rumsfield zwischen dem "alten" und dem "neuen" Europa ließe sich leicht umkehren: Man könnte von den "old USA" und von "old Britain" sprechen, die noch dem Nationalstaatsdenken des 20. Jahrhunderts anhängen. Das Europa um Frankreich und Deutschland scheint weniger im Denken der Vergangenheit verhaftet zu sein, daher repräsentiert es für mich das wirklich neue und fortschrittliche Europa.

Innenpolitisch dagegen steht es weniger gut um Deutschland. Es bedarf einiger Reformen, größerer Flexibilität, damit die Wirtschaft angekurbelt werden kann. Die Probleme der Wiedervereinigung müssen kreativer angegangen werden. Es genügt nicht, große Geldsummen für die neuen Länder zur Verfügung zu stellen, die inkompetente Politiker dann in Potemkinsche Dörfer investieren. Ein Beispiel: 150 Millionen Euro – das ist fast so viel, wie der Wiederaufbau der Frauenkirche gekostet hat! – sollen in Dresden in die so genannte Waldschlösschenbrücke investiert werden, die das gerade zum Weltkulturerbe erhobene Elbtal bei Dresden für immer ruinieren wird. Die Brücke wird nicht gebraucht, doch sie wird dafür sorgen, dass das noch intakte Umland zersiedelt wird. Aber wenn man den größten Teil der Bausumme geschenkt bekommt, lassen Politiker eben auch Brücken bauen, die nicht gebraucht werden.

In Leipzig wird die ganze Stadt aufgewühlt, um einen 500 Millionen Euro teuren Tunnel unter der City zu bauen, der ebenfalls nicht gebraucht wird. Dieselben Politiker sparen dann bei den Kultureinrichtungen. Sie sind es aber, die Touristen und dauerhafte Arbeitsplätze in die Städte bringen. Außerdem ziehen sie Investoren an, die ihre Unternehmen lieber in einer Stadt ansiedeln, die etwas bietet. Es gibt zu wenige anspruchsvolle Arbeitsplätze in den neuen Ländern. Sie zu schaffen ist die Herausforderung – an das ganze Land.

Als Wissenschaftler freut mich hingegen, dass den Universitäten endlich eine Selbstverwaltung zugestanden wird, dass sie die Studenten in eigener Regie auswählen, dass sie nach Investoren suchen und eine engere Beziehung zur Wirtschaft pflegen können – eine sehr positive Entwicklung.

Professor Günter Blobel, geb. 1936 in Schlesien, Nobelpreisträger für Medizin 1999, lebt und forscht seit 1967 in den USA. 1,6 Millionen Mark seines Preisgeldes stiftete er für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche