Wir sind das Volk, aber wir sind nicht EIN Volk und brauchen es auch in nächster Zeit nicht so schnell zu werden. Die romantische Sehnsucht, sobald wie möglich, effizient und diszipliniert, uns zu vereinen, ist nicht das Ziel. Gerade im Akzeptieren der Unterschiede, nicht nur von Ost nach West oder Nord nach Süd, sondern auch durcheinander, liegt die Chance, zu begreifen, dass wir dennoch ein Team sind, das füreinander verantwortlich ist. Die Schweiz und Großbritannien machen uns vor, was es heißt, ohne sich zu lieben, als Staat zu funktionieren. Wir haben verpasst, aus Ost und West etwas Neues, eine Fusion, entstehen zu lassen. Der Westen übertrug einfach seine Sichtweise, ohne den Osten anzuhören. Das rächt sich jetzt, aber die Zeit holt das selber nach.

Bono von der Rockgruppe U2 hat mir eine Geschichte erzählt. Er engagiert sich in der Aids- und Armutsbekämpfung und traf sich deshalb auch mit deutschen Topmanagern, um sie um Unterstützung zu bitten. Und was haben sie gesagt? "Also, Herr Bono, bevor wir anfangen: Wir sind ganz schlecht drauf und haben kein Geld." Kein Mensch versteht dieses neue deutsche Motto: Jetzt leiden wir auch dem Ausland was vor. Es stimmt zudem gar nicht, bei uns ist viel zu holen. Aber wenn man ständig sagt, wir sind doch alle schlecht drauf – wer soll denn da noch die Tore machen?

Wir erinnern uns viel zu selten daran, was wir seit der Wiedervereinigung für eine großartige Leistung erbracht haben. Billionen Euro haben wir aufgebracht für das neue Land, und das ist viel mehr als ein Geldtransfer – das ist eine Leistung der ganzen Gesellschaft. Das ist eine große Qualität Deutschlands und seines klugen politischen Systems: dass alle füreinander da sind, einen Sozialvertrag miteinander haben. Das ist die ganz große Basis des Landes. Und die darf man in dieser Krisenphase nicht kaputtschlagen.

Der Neoliberalismus, dass sich die Erfolgreicheren absetzen wollen nach dem Motto: "Ich hab das redlich verdient und behalte alles für mich selber", ist sehr übel. Da wird der soziale Sprengstoff scharf gemacht. Der Glücklichere hat immer für den im Moment Unglücklicheren da zu sein, ihn zu unterstützen. Und dafür keinen Dank zu erwarten.

Wir haben uns vielleicht geirrt, was das Tempo angeht, in dem wir die Folgen der Teilung überwinden können. Vielleicht dauert es noch 50 oder 60 Jahre, und manchen Erfolg werden wir gar nicht mehr miterleben. Aber wenn wir in ein paar Jahrzehnten zurückblicken, sollten wir das Gefühl haben, dass wir positiv und optimistisch und dynamisch mehrere Meter dieses Weges zurückgelegt und uns nicht in Selbstmitleid und Gejammer zurückgezogen beziehungsweise nur auf den richtigen Spielmacher gewartet haben. Eine zweifelnde Truppe braucht gar nicht aufs Spielfeld zu gehen, die kann gleich in der Kabine bleiben.

Wir Deutschen werden im Ausland immer noch extrem beneidet: als ein Musterland, eine Solidargemeinschaft, die sich ein soziales Netz geschaffen hat, in dem viele Leute aufgefangen werden. Die Engländer zum Beispiel macht eines wahnsinnig: dass wir den Krieg verloren haben, aber dennoch wesentlich schneller als sie wieder auf die Füße gekommen sind.

Natürlich ist die englische Gesellschaft aufgrund ihrer langen demokratischen Geschichte ganz anders geschult, mit Krisen umzugehen. Als dort die Demokratie erfunden wurde, rannten wir noch alle durcheinander, da gab es Deutschland noch gar nicht. Sie haben einfach einen Vorsprung in ihrem Demokratieverständnis, sie setzen mehr auf Eigenverantwortlichkeit und rufen nicht immer gleich nach dem Staat. Das müssen wir erst noch lernen in den nächsten 60 oder 100 Jahren.