Das Jammern ist für den Deutschen ungefähr das, was dem Engländer das Klagen über den Regen bedeutet: eine Art Gärstoff der kollektiven Identität. Um sich fest im selben Unglück vereint zu fühlen, kann alles zum Vorwand werden: der Wohlstand, der wie Schnee in der Sonne schmilzt; die unfähigen Politiker; die Ossis (für die Wessis); die Wessis (für die Ossis); die Ausländer (für Wessis und Ossis); der Rasenmäher des Nachbarn; die Hundehaufen auf dem Bürgersteig; die mürrischen Busfahrer; das Schulsystem, das nichts als Analphabeten hervorbringt; die dicken, verzogenen Kinder.

Folgt man dem Bild, das Deutschlands Bürger von ihrem Land zeichnen, dann leben sie in einer kinderfeindlichen, autistischen Hölle, einer korrupten Favela, die im schwärzesten Elend zu versinken droht, einem gigantischen Freizeitpark, der von nichts als Faulpelzen, Parasiten und verwöhnten Kindern bevölkert ist. Würde man nachzählen, wie oft welche Wörter in Leitartikeln und Stammtischgesprächen auftauchen, der Ausdruck "Katastrophe" wäre mit Sicherheit das Königswort der letzten Jahre.

Es gibt eine sehr deutsche Art des Jammerns: Der Satzrhythmus verlangsamt sich plötzlich, die Stimmlage sinkt um eine Quinte, das Gesicht verzieht sich, der Blick wird verschleiert, der Ton verschwörerisch. Wohltemperierte Pausen unterstreichen die Bestürzung des Sprechers, Seufzer ersticken seinen Zorn. So beginnt sie, die traurige Litanei der Beschwerden. Natürlich wird auch anderswo gejammert – aber es wird anders gejammert. In Frankreich ist das Protestieren eher eine erfrischende Explosion. Der Franzose ist ein aufbrausender Meckerer, der sich wohl in seiner Haut fühlt. Wenn er sich beschwert, plustert er den Oberkörper auf und erhebt die Stimme. Der Meckerer ist per Definition sympathisch, denn er führt eine kleine private Rebellion gegen die Macht. Danach fühlt er sich stärker und mannhafter.

Das deutsche Jammern dagegen ist ein larmoyantes Leiden, das schlecht angesehen ist und oft an Selbsthass grenzt. Man jammert über alles, was man nicht mag an diesem Land, und verachtet sich gleichzeitig dafür, dass man nie zufrieden ist. Man jammert über das eigene Jammern. Ein perverses Spiel: "Es ist ja so was von deutsch, ewig unzufrieden zu sein!" Jeder hält sich persönlich für mitschuldig an der kollektiven schlechten Laune. "Wir jammern auf hohem Niveau", entschuldigen sich die Deutschen in seltenen Momenten der Klarsicht. Tatsächlich fällt es schwer, die Weltuntergangsstimmung ernst zu nehmen, die in diesem Land herrscht, das doch immer noch eines der reichsten und leistungsstärksten der Welt ist. Ich persönlich hatte jedenfalls noch nie den Eindruck, beim Überqueren des Rheins die Hölle zu betreten.

Aus dem Französischen von Jens Mühling