Deutschland fühlt sich in diesen Tagen seltsam an. Die ganz Jungen wissen kaum, wohin mit ihrer Kraft, sie haben Lebensenergie, sie glauben daran, dass alles möglich sei – ein trauriger Irrglaube, dem sie da erliegen. Auf der anderen Seite jene, die schon älter sind, die in ihrer Mehrheit resignieren. Wer könnte diese Stimmung besser intonieren als die breitbeinigen Stammkunden der Berliner Szenekneipen? Gereiztes Klima herrscht vor: Deutschland, einig Jammertal! Immerhin, zwischendurch sind Fragen zu hören, leise Fragen. Was kann man tun? Was kann ich tun? Gab es ja lange nicht mehr: Menschen in Deutschland stellen plötzlich wieder Fragen und zeigen damit an, dass sie nicht alles wissen, also alles besser wissen. Unsäglich diese Jahre, in denen so viele keine anstrengenden und fordernden Bücher und Zeitungen lasen, sich nicht kundig machten, aber mit Inbrunst auf alles ihre Antworten gaben. Wie es scheint, kann Leidensdruck der Bräsigkeit Einhalt gebieten.

Es gibt also Bewegung in Deutschland, ein Aufwachen – aber eine Ängstlichkeit ist immer mit dabei. Selbst Menschen, die keinen Grund dazu haben, entwickeln Angst. Es gibt die Angst vor der Angst – deshalb ist ständig mit neuer Lähmung zu rechnen. Ihren Ausdruck findet sie in dem Satz: Als Einzelner kann man nichts tun in diesem Land. Diese schnelle Bereitschaft zur Verzagtheit gibt es sonst nirgendwo. Am Ende kreist wieder jeder um sich selbst, ohne bei sich anzukommen. Verpasst damit die Erkenntnis: Ich bin die kleinste Einheit Deutschland – deshalb gilt für mich die ganz konkrete Aufforderung: Tu, was du kannst, Schweins.

Bei alledem: Ist der Eindruck ganz falsch, dass in unserem Land in diesen Tagen der Sorgen eine gesteigerte Bereitschaft besteht, Freundschaften zu schließen? Nicht mehr nur Hallo zu sagen, stattdessen stehen bleiben, zuhören, Fragen stellen? Am Ende sich sogar helfen? Sicher ist dies keine repräsentative Beobachtung, aber eine schöne Vermutung ist es allemal. Die Zahl jener, die aktiv werden, wächst damit. Langsam, aber sie wächst.

Esther Schweins, Jahrgang 1970, ist Schauspielerin und Moderatorin. Sie lebt in Berlin