Seine schwarzen Haare lagen ihm füllig und fest am Kopf, eine lockere Haube. Am linken Ohrläppchen eine winzige Goldkurve. Und an der Unterlippe ein Minimalbärtchen, so winzig wie die Goldkurve am Ohrläppchen; eigentlich eine Entsprechung. Ich hatte ein Ampelrot genützt und ihn, der das Fahrrad immer noch zwischen den Beinen hatte, gefragt, wie das Hotel Walhalla zu erreichen sei. Er konzentrierte sich sofort so, als sei er gefragt worden, was war der schönste Augenblick in Ihrem bisherigen Leben. Und sagte: Dreikommafünf Kilometer, da jetzt links rein, dann die dritte Ampel links und so weiter. Wir standen ja da, wo der Goethe-Ring in den Erich Maria Remarque-Ring übergeht, ich war vom Bahnhof gekommen, also auf der Wittekindstraße, wir standen also am Schnittpunkt dieser deutschen Wege, das heißt, wir standen am Berliner Platz, und das fügt sich so, wie jeder weiß, nur in Osnabrück.

Ich dankte und zog mein Gepäck vom gesichtslos Heutigen ins immer enger und schöner werdende Historische, ins Herz der Altstadt, dahin, wo die steilen Giebel wohnen, ins Walhalla. Aus Erfahrung weiß ich, daß die Leute, die mich besser kennen als ich, jetzt sagen: Walhalla, klar. In dieser Trivialmythologie bin ich für Mich-Kenner daheim. Zum Glück meldet das Gästebuch, daß von Günter Grass bis Königin Silvia, Dalai Lama und Inge Jens alle Reisenden, die’s gut haben wollen, dort absteigen. Die erste Unterstellungsmöglichkeit dieses Tages abgewehrt.

Der Dreikommafünfkilometer-Weg war durch meine Umwegverfallenheit sicher zu einem Fünfkilometer-Weg geworden. Während dieses nur lose zielgerichteten Spaziergangs habe ich immer wieder an den schwarzhaarigen Radfahrer mit der Goldkurve und dem entsprechenden Minimalbärtchen gedacht. Wer viel unterwegs ist, erlebt ununterbrochen die ganze Wirklichkeit. Er erlebt, daß nichts von dem, was er erlebt, Bagatelle ist. Er erlebt immer das Großeganze, das Historische in jedem Augenblick. Ein Land, in dem ein junger Kerl sein Rad zwischen den Beinen behält, aber ein Ampelgrün vorbeigehen läßt, weil er sich für einen undeutlichen Altpassanten, der etwas hinter sich herzieht, einen Weg bis ins innerste Herz der Stadt ausdenkt, ein Land mit solchen Menschen ist nicht nur nicht verloren, es ist gerettet.

Der Neunzehnjährige – er war weder achtzehn noch zwanzig, also muß er ja neunzehn gewesen sein – hatte selber ein Ziel und einen Termin, und dann widmet er sich dem Fremden, der ihn nichts angeht, als sei das heute sein Wichtigstes. Natürlich ist das zuerst einmal nur typisch für Osnabrück. Aber Osnabrück ist nur typisch für Deutschland.

Dann habe ich also im Walhalla Tafelspitz gegessen und Bier getrunken, als sei Bier überhaupt mein Getränk. Das ist alles andere als wahr. Aber Met, werte Klischee-Verwalter, gab’s halt nicht. Und die Zeitung gelesen. Vielleicht haben andere diesen Artikel nicht zur Kennntnis genommen, ich werde von solchen Artikeln angezogen wie früher die Fliege vom tödlich-pappigen Fliegenfänger. Da stand, daß der englische Leitartikler Simon Heffer gefordert hat: "Die Deutschen dürfen niemals ihre böse ›Vergangenheit vergessen‹." Dann noch: "Die Deutschen haben der Menschheit mehr Leid angetan als irgendeine andere Nation." Das ist der tägliche Text. Und ich wehre mich dagegen, mich von diesem Alltagstext zum täglichen Abwehrreflex verführen zu lassen. Ich darf nicht reagieren wie einer, der einem auf ihn zusausenden Schlag ausweicht. Instinktiv. Nein. Ich muß mich jedesmal mit dem jeweiligen Schlag beschäftigen. Wie also kommt der heute daher?

Unser Außenminister – man verzeihe mir das besitzanzeigende Fürwort – hat sich in London interviewhaft darüber beklagt, daß die britischen Kinder von der deutschen Geschichte nur die Nazijahre geboten kriegen. Dann holte er in seiner jovialen Bildersprache ein bisschen aus: "Wenn man den traditionellen preußischen Stechschritt lernen will, muß man sich das britische Fernsehen anschauen, denn in Deutschland weiß in den jüngeren Generationen – sogar in meiner Generation – niemand mehr, wie das geht." So unser Turnschuh-Außenminister, dem zum Glück Marathon mehr liegt als Stechschritt. Und dieses Beispiel hat in seiner erschütternden Harmlosigkeit dafür gesorgt, daß der Leitartikler voll zuschlug, daß ich auch an diesem späten Oktobertag von der Geschichte eingeholt werde. Am Donnerstag: von Osnabrück nach Nürnberg, sieben Stunden plus Verspätung. Da reicht keine Zeitung. Du mußt lesen.

Also her mit dem Novemberheft von Cicero. Und da, natürlich, zuerst: Elfriede Jelinek. Und da, tief im Text und in den jelineksch verwoben: "Die vergangenen Untaten sollen dem individuellen Gewissen unterworfen werden, sie sind Privatsache des Einzelnen, sagt Martin Walser sinngemäß …" Wieder mußte der Abwehrreflex, der instinktive, abgewehrt werden. Das hast du nie und nirgends gesagt und nie geschrieben. Das Gewissen ist nicht delegierbar, hast du geschrieben. Daß "die vergangenen Untaten" "Privatsache des Einzelnen sind" hast du weder gedacht, noch gesagt, noch geschrieben. So dein Abwehrreflex. Aber der nützt überhaupt nichts. Die vergangenen Untaten Privatsache des Einzelnen! Das kannst du jetzt von Osnabrück bis Nürnberg psalmodieren. Elfriede Jelinek hat das so aufgefaßt und hingeschrieben. Nobelpreisträgerin. Das reicht für diesen Tag, daß du Elfriede Jelinek auf solche Gedanken gebracht hast.