Zum ersten Mal war ich Anfang der sechziger Jahre in der Ukraine. Mein Stiefvater lebte in Lwiw (Lemberg) als Militärarzt. Das Einzige, was mich damals irritierte, war die Behauptung, Russen seien nicht besonders beliebt.

Ich habe davon nichts gespürt, auch nicht später in Kiew, geschweige denn auf der Krim, wo ich nur selten Ukrainer traf. Erst viel später habe ich begriffen, dass ich überhaupt nur mit Russen zu tun hatte oder mit Ukrainern, die sich gern als Russen verstanden. Kurz gesagt: es waren die Sowjetmenschen.

Die andere, die neue Ukraine erlebte ich im Sommer 2001, als ich an einer Schiffsreise mit deutschen Schriftstellerkollegen auf dem Dnjepr teilnahm.

Was da auf Schritt und Tritt passierte, war in Russland schon nicht mehr möglich. Die Verflechtung von organisierter Kriminalität und Regierungsmacht war hautnah zu erleben. Nur ein Beispiel: Unser Schiff wird in einer Schleuse so lange festgehalten, dass wir mit Sicherheit nur verspätet in den Hafen einlaufen können, wo wir von den Stadtoberen nach dem Reiseplan erwartet werden. So bekommen wir also die Nachricht, dass der vorgesehene Liegeplatz im Hafen schon besetzt sei und wir, falls wir doch festmachen wollten, 1000 Dollar bezahlen müssten. Das war gut organisierte Gelderpressung. Und so noch mehrere Male. Auf der Krim, bei über 30 Grad Hitze, alle schwitzen unter der Sonne, stehen die Busse mit geschlossenen Türen. Eine strahlende Dame erklärt sehr sachlich, die Türen könnten erst geöffnet werden, wenn für jeden Bus 500 Dollar gezahlt würden.

Wie konnten die Schweden es wagen, in der Ukraine zu kämpfen?

Alle diese Verhandlungen fanden in russischer Sprache statt. Das Ukrainische und seine Literatur wurden in der Sowjetzeit, als Teil der sowjetischen Vielvölkerkultur, wie viele andere Sprachen gepflegt, und die Schriftsteller Moskaus waren mit den ukrainischen gut befreundet. Die Übersetzung ins Russische war fast eine Art Industrie. Wenn ich nicht irre, hat sich die ukrainische Literatursprache gerade damals stark entwickelt. Aus dem 19.

Jahrhundert waren nur mehr Taras Schewchenko, später noch Lessja Ukrainka bekannt.

Heute liest man in ukrainischen Lehrbüchern, dass erst die ukrainische, dann die russische Sprache entstanden sei, und die Behauptung dieses Primats ist eines von vielen Beispielen für nationale Mythen. Ich kann nur mit Bewunderung erwähnen, wie ein Kollege, der zu Sowjetzeiten ein bescheidener Komsomol-Lyriker war, in einem patriotischen Gedicht neueren Datums dem russischen Zaren Peter dem Großen und dem schwedischen König Karl XII.

vorwarf, dass sie sich seinerzeit erfrechten, auf dem fremden Boden der Ukraine ihre berühmten Schlachten zu schlagen! Der heutige Russenhass in der Ukraine ersetzt, wie in allen ehemaligen Sowjetrepubliken, die Enttäuschung über das gescheiterte kommunistische Experiment. Alle hatten daran teil, aber jetzt trägt allein Russland die Schuld. Sogar die früher übliche Bezeichnung der Ukraine als Malorossia - kleines Russland - wird heute als Demütigung empfunden. Tatsächlich benennt der Ausdruck nur nüchtern einen historischen Umstand: Am Anfang stand mit der Kiewer Rus das kleine Russland, erst mit der Moskauer Rus ist Russland groß geworden. Die beiden Sprachen haben sich historisch aus einer Wurzel entwickelt.

Deswegen ist auch die Moskauer Behauptung, das Ukrainische sei nur ein Dialekt des Russischen, ohne wissenschaftlichen Grund. Allerdings muss sich das Ukrainische heute den Anforderungen der Moderne stellen und an der Übersetzung von Begriffen aus dem Russischen und anderen Sprachen arbeiten, die früher wie selbstverständlich nur auf Russisch bezeichnet wurden. Vor der Ukrainisierung der Ukraine hat man in den Hochschulen Kernphysik oder die Relativitätstheorie nur auf Russisch unterrichtet.

Im Gegensatz zu Russland sind in der Ukraine viele Literaten zu führenden Politikern geworden. Einer, der auch für die russische Perestrojka von Bedeutung war, ist der Dichter Witalij Korotitsch. Er verließ Kiew, um in Moskau die populäre Wochenzeitschrift Ogonjok zu leiten. Die Ukrainer scherzten: Sie gaben uns Tschernobyl, und wir gaben ihnen Korotitsch. Die Zeitschrift war damals das Medium der demokratischen Umgestaltung Russlands. Mit ihren sensationellen Enthüllungen aus der sowjetischen Geschichte hat diese Zeitschrift auch kulturell die berüchtigte Privatisierung unterstützt. Korotitsch ist nicht nach Kiew zurückgekehrt - er lebt heute in den USA. Ein anderer Schriftsteller, Andrej Schtscherbak, behauptete bei einer Konferenz über die Perestrojka in Tübingen (1991), die Ukraine sei die einzige Republik der UdSSR, die selbstständig existieren könne - sie habe alles! Bald jedoch entdeckte man: Sie hat keine eigene Energie. Die Energie kommt aus Russland, und die Ukraine kann sie nicht bezahlen. Auch Schtscherbak lebte in dieser wirren Zeit nicht in der Heimat.

Als die Ukrainer allmählich verstanden, dass es nicht unbedingt die Russen waren, die den ukrainischer Speck gefressen haben, wurde er Botschafter in Israel.

Die Bürokraten begreifen den Charakter der Bevölkerung nicht

Mein jüngerer Kollege Sascha Briginetz, der russisch ebenso wie ukrainisch schrieb und früher meine Gedichte ins Ukrainische übersetzte, hat sich in Kiew aufs Showbusiness verlegt - er produziert Videoclips und züchtet Medienstars. Seine Aufgabe ist es, die russische Unterhaltungsindustrie durch einheimischen Pop aus dem Land zu drängen. Ich habe, was er mir gezeigt hat, originell und melodisch gefunden, kein Vergleich zu den dümmlichen moskowitischen Popstars.

Voriges Jahr haben wir eine große Anthologie der ukrainischen Dichtung herausgebracht, als Teil einer Serie von Anthologien mazedonischer, serbischer und weißrussischer Dichtung. Dieses gesamtslawische Literaturprojekt will verhindern, dass die kulturellen Verbindungen zwischen den einst brüderlichen Völkern verloren gehen. In meinem Vorwort habe ich betont, dass gerade im Zeitalter der Globalisierung jede Art von Verbundenheit und gegenseitiger Sympathie große Bedeutung hat. Alle Bücher in dieser Reihe sind zweisprachig - übrigens erscheinen auch in der Ukraine noch immer viele Bücher in russischer Sprache, unter anderem die neueste Anthologie russischsprachiger Lyriker, die in dem unabhängigen Land leben.

Es scheint freilich, dass die Ukraine ihr schwieriges Erbe aus früheren Zeiten in die nächste Zukunft verlängern will - und nicht ohne Hilfe des Westens. Was das grandiose gegenwärtige Wahlspektakel anbelangt, bin ich der Meinung eines unserer neuen Internet-Autoren. Auf seiner Homepage IA REGNUM (am 28. November 2004) nennt Modest Kolerow als Grund der Krise:

Schwäche und Mangel an Popularität der Kutschma-Regierung. Weil er selbst keinen tauglichen Nachfolger etablierte, hat seine Nomenklatura Juschtschenko aufgebaut, und die politischen Hoffnungen internationaler Prägung, die der Süden und der Osten der Ukraine hegten, richteten sich auf Janukowitsch. Die Ukraine als ganze hat keine nationale Führungsfigur hervorgebracht, und ein bedeutender Teil der Bürokratie hängt noch immer der Illusion nach, dass Galizien und die Westukraine sich wie früher den großen östlichen Regionen unterordnen ließen, also jenen Regionen, die 80 Prozent der Wirtschaftskraft repräsentieren. Die Bürokraten sind nicht in der Lage, dem gemischten, russischukrainischen Charakter der Bevölkerung Rechnung zu tragen. Das Ergebnis ist die Spaltung des Staates: der Westen und Kiew auf der Seite von Juschtschenko, der Osten und der Süden auf der Seite von Janukowitsch. Wie eine künftige ukrainische Regierung damit umgehen wird, das ist die Frage der Fragen ... Nur ein föderales System könnte die Interessen aller Landesteile berücksichtigen und die staatliche Einheit erhalten.

Ich hoffe, man kommt auf friedlichem Wege dahin. Und ohne auswärtige Hilfe, weder durch eine des Westens noch durch eine des Ostens.

Der Lyriker Wjatscheslaw Kuprijanow wurde 1939 in Nowosibirsk geboren. Er hat viele deutsche Dichter ins Russische übertragen. Auf Deutsch erschienen von Kuprijanow unter anderem Aufforderung zum Flug, Eisenzeitlupe und Wie man eine Giraffe wird. Kuprijanow lebt in Moskau