Aufbruch in der Ukraine, 89er Romantik im politischen Berlin. Gern blitzt Orange beim Fernsehauftritt. Wieder erwacht ein Osten und macht sich auf den Weg. - Wohin denn? - Welche Frage: Nach Europa!

Was man hierzulande so Europa nennt. Der geografische Mittelpunkt der Europäischen Union heißt seit dem 1. Mai 2004 Kleinmaischeid und liegt im Westerwald. Die Mitte des Kontinents ist Purnuskiai, ein litauisches Dorf bei Vilnius. Wie zur Vermessung dieser kolossalen Differenz erreicht uns jetzt ein Film, der ursprünglich Kurz vor Europa heißen sollte. Nun lautet sein Titel Carpatia: eine epische Reise durch das osteuropäische Zentralmassiv und zu seinen Menschen, von den Bergbauern des ukrainischen Huzulenlands bis zu den Goldwäschern von Siebenbürgen. Chassiden und Goralen treten auf, Zigeuner, Hirten, Herrgottschnitzer. Ein transzeitliches Fatum liegt über dieser vormodernen Welt. Menschen und Tiere laufen im Joch des Geschicks. Die Zeit vergeht und ändert nichts. Gott ist fern und doch allgegenwärtig.

Was ist das Glück Ihres Lebens? Worauf hoffen Sie? Was kommt nach dem Tode?

Nach den letzten Dingen fragen die Filmschöpfer, der Pole Andrzej Klamt und der Deutsche Ulrich Rydzewski. Ihre Protagonisten antworten mit philosophischem Ernst. Die Kamera scheint vergessen. Die Verkäuferin Marinella beschreibt das Himmelreich, von dem der Schnitzer Josef weiß, dass es ihm verschlossen bleiben wird, seiner Sünden wegen, obwohl er unentwegt Christusse fertigt. Das sei ein bisschen wie beichten.

Fünf Länder durchwandert dieser wunderbare Film und spricht acht Sprachen.

Wenn die Menschen schweigen, redet die Natur, mit Nebelbäumen, wispernden Wiesen, Sickerwasser, Schnee. Zuweilen wirkt Carpatia wie eine Visitation des versunkenen Franz-Joseph-Lands. Ein Hauch von Rothscher k. u. k. Melancholie zieht durch diesen bäuerlichen Kosmos, der immer war und so nicht bleiben kann. Wenn die letzten drei Juden von Kolomyja sterben, wird ihre Synagoge Jugendclub. Aber noch basteln sie aus Eisenstangen und Folie ein Gehäuse fürs Laubhüttenfest. Noch reist der Zauberer Vaclav durch die dörfliche Slowakei, macht den Bauern Illusionen und träumt von der Australien-Tournee. Und siehe, die Australier träumen zurück und graben in den Karpaten nach Gold. Für ihre Mine muss das Dorf Rosia Montana weichen.

Der Film zeigt eine karge Welt, deren Lebenshärte wir kaum teilen könnten.