Koskenniemi: Das ist Unsinn. Nur eine Hand voll regierungsnaher Völkerrechtler glaubt, die Resolution 661 sei eine ernst zu nehmende Rechtfertigung des Irak-Krieges gewesen. Ich war bei der Formulierung beteiligt, es war eine offene Resolution. Sie können sich nicht einfach auf solch eine Resolution berufen und dann Krieg führen.

ZEIT: Philosophen wie Michael Walzer sagen, eine Demokratie sei nicht in der Lage, Recht zu brechen.

Koskenniemi: Da ist was dran. In der Tat gibt es demokratische und nichtdemokratische Staaten, und es macht einen Unterschied, ob sich Regierungshandeln auf eine Verfassung bezieht oder nicht. Trotzdem wird aus Illegalität nicht einfach Legalität, nur weil es sich um einen demokratischen Staat handelt. Walzer hat sich in eine schwierige Position manövriert, und ich fürchte, er rechtfertigt imperiales Handeln. Wie viele Philosophen hat er keinen rechten Sinn für das Völkerrecht. Nur Jürgen Habermas bildet da vielleicht eine Ausnahme.

ZEIT: Amerikanische Neokonservative sagen zu Recht, die UN biete Diktatoren mehr Schutz als den Völkern. Deshalb müsse die USA stellvertretend die Menschenrechte durchsetzen – als guter Hegemon.

Koskenniemi: Das ist die klassische Selbstrechtfertigung des aufgeklärten Absolutismus. Er hat schon immer behauptet, er sei die beste Regierungsform der Welt. Doch wie kann man sicher sein, dass die Supermacht Amerika wirklich aufgeklärt ist? Weil wir das nicht wissen können, dürfen wir leider keinem trauen.

ZEIT: Bush kritisiert das Völkerrecht, weil es noch von den alten Staatenkriegen ausgeht – mit Säbelrasseln und sichtbaren Truppenaufmärschen. Der Terrorismus aber kommt aus den Dunkelzonen der Weltgesellschaft und verschwindet darin. Muss es nicht die Möglichkeit geben, sich präventiv zu wehren – bevor die Bombe hochgeht?

Koskenniemi: Eigentlich braucht man den Bezug auf den Terrorismus gar nicht. Der amerikanische Richter Stephen M. Schwebel hat einmal vorgeschlagen, wir sollten uns folgendes Szenario vorstellen: Terroristen kapern ein Atom-U-Boot und drohen mit einem Angriff. Der Präsident geht zu seinen Beratern und sagt ihnen, er habe zuverlässige Informationen darüber, dass die Terroristen jeden Augenblick angreifen. "Darf ich Atomwaffen einsetzen?" Angenommen, ich wäre um Rat gefragt worden. Hätte ich sagen sollen: "Tut mir leid, Herr Präsident, Sie müssen leider noch etwas warten?"