Koskenniemi : Nach dem, was in Srebenica geschehen war, muss man sagen: Die Intervention war, völkerrechtlich gesehen, illegal, aber gerechtfertigt.

ZEIT: Vergangene Woche hat die UN-Reformkommission vorgeschlagen, der Sicherheitsrat solle künftig vorbeugende Gewalteinsätze autorisieren. Wäre das in Ihrem Sinne?

ZEIT: Ich sehe nicht, dass es irgendeine Form einer Vereinbarung geben könnte, die dazu führt, dass der Sicherheitsrat Präventivschläge autorisiert. Wie soll die aussehen? Entweder sind Präventivschläge völkerrechtlich zulässig, also als legale Selbstverteidigung nach Artikel 51 der UN-Charta. Oder der Sicherheitsrat wird so vorgehen wie immer: Er wird in einem Ad-hoc-Verfahren entscheiden, ob der Einsatz von Waffengewalt legitim ist, je nach Beweislage.

ZEIT: Trotzdem gibt es Versuche, Artikel 51 aufzuweichen und das strikte Gewaltverbot zu lockern.

Koskenniemi: Machen wir uns nichts vor, Artikel 51 wird nicht geändert. Die Lockerung des Gewaltverbots und der leichtere Einsatz von Waffen werden nur den USA nutzen. Was hätten kleine Länder davon? Nichts. Alle glauben nämlich, dies stärke nur die Vorherrschaft der USA. Deshalb finde ich es sehr wichtig, dass die Reformkommission nicht nachgegeben hat. Sie hat ausdrücklich die herrschende Deutung von Selbstverteidigung und Artikel 51 bestärkt. Von Aufweichung keine Spur.

ZEIT: Kritiker sagen, die Reformvorschläge seien wie eine Gemüsesuppe: Für jeden etwas.

Koskenniemi: Ich bin überrascht darüber, dass die Reformkommission eine Sprache gefunden hat, die den weltweiten Problemen gerecht wird. Sie zeigt ein echtes Interesse an der Bedrohung durch den Terrorismus und durch Massenvernichtungsmittel. Aber sie sieht auch die Probleme, die der Dritten Welt auf den Nägeln brennen: Armut, Aids und Ungerechtigkeit. Nur bei den konkreten Vorschlägen hapert es. Obwohl der UN-Report die Notwendigkeit betont, der Sicherheitsrat müsse schnell und flexibel auf neue Krisen reagieren, schlägt er keine brauchbaren Reformen vor.