DIE ZEIT: Herr Koskenniemi, Sie schreiben nicht nur wichtige Bücher über das Völkerrecht. Sie waren auch 17 Jahre lang Berater des finnischen Außenministeriums, davon einige Jahre bei den Vereinten Nationen. Angenommen, Sie würden den wiedergewählten Präsidenten Bush beraten: Was würden Sie ihm empfehlen?

Martti Koskenniemi: Bush gegenüber würde ich nicht als extremer Legalist auftreten. Ich würde ihm sogar davon abraten, seine Politik ausschließlich an den UN auszurichten. Das Völkerrecht ist keineswegs die Bibel, und die Vereinten Nationen werden die Welt nicht retten können. Deshalb ist es manchmal leider notwendig, die UN-Charta zu brechen. Kurzum, ich würde dem mächtigsten Mann der USA sagen, er solle sich als Präsident einer Supermacht einen Handlungsspielraum bewahren. Um dann verantwortungsvoll zu handeln.

ZEIT: Sie hätten also die Politik von Bush unterstützt?

Koskenniemi: Nein. Bushs Unilateralismus war nicht zu verteidigen. Ich hätte ihm geraten, sich mit den Partnern im Sicherheitsrat und in der Generalversammlung abzustimmen. Er hätte dafür sorgen müssen, dass das Handeln Amerikas aus der Sicht anderer als legitime Handlung erscheint. Sonst zerstört man zusammen mit seinen Feinden die gemeinsame Basis mit den Partnern. Und dann entsteht jener Bruch, der uns jetzt so zu schaffen macht.

ZEIT: Sie sagen, manchmal müsse die UN-Charta gebrochen werden. War die Bedrohung durch den Irak dafür Anlass genug?

Koskenniemi: Auf keinen Fall. Trotzdem bleibe ich dabei. Die UN-Charta ist keine Bibel. Manchmal ist sie hilfreich, manchmal nicht und manchmal sogar die Ursache des Problems. Derzeit allerdings ist das Völkerrecht weitaus hilfreicher als alles andere. Es ist das einzig wirksame Medium, mit dem der Rest der Welt versuchen kann, Druck auf die USA auszuüben. Denn wenn es etwas gibt, was diese Welt derzeit verbindet, dann ist es die Ablehnung des amerikanischen Unilateralismus.

ZEIT: Es gibt Völkerrechtler, die behaupten, die USA hätten bloß eine ältere UN-Resolution umgesetzt, weshalb der Irak-Krieg legitimiert gewesen sei.