Als Malen nach Zahlen Kunst ins Kinderzimmer holte, als Airbrush schick und Karaoke hip wurde, gab es selten mehr als zehn Nummer-eins-Songs pro Jahr. 350 Titel kamen Anfang der Achtziger durchschnittlich in die Charts, 2003 waren es 827. Übersichtliche eighties. Coverversionen unter den bestverkauften Singles waren damals Raritäten. Es wurde eben noch komponiert, und zwar nicht mit Software à la Cubase, sondern im Ü-Raum. Kreative eighties.

Heute dagegen funktionieren die Charts nach dem Baukastenprinzip: Wie beim Zahlenmalen werden Liedzitate zu Bildern verfugt. Im Airbrush-Stil sprüht perfektionierte Mixtechnik Bewährtes mit digitalem Weichzeichner gegenwartstauglich. Nach Karaoke-Art trällern talentfreie Tanzmäuse ganze Stücke nach. Und dank polyfoner Klingeltöne hören wir sie nicht nur im Dudelfunk, sondern gleich noch vom Handy. Was in den Flegeljahren des Pop als Variante begann, wird mit jedem Plagiat zum Strukturmerkmal. Und das feiert gerade zehnten Geburtstag.

1994, fand der Musikwissenschaftler Marc Pendzich beim Durchforsten von 25 Jahren Charts heraus, bastelte Marusha aus dem Evergreen Somewhere Over The Rainbow einen Hit. Puristen waren fassungslos. Schließlich galt Covern lange als eher unanständig. Ein Metier der Einfallslosen, der Carpendales, Kaisers, Cordalis, James Lasts – Schlagerstars, die sich ohnehin seit je selbst kopierten. Doch Monate nach Marusha stieg auch der zitierfreudige HipHop mit Coolios Gangsta-Version von Stevie Wonders Pasttime Paradise erstmals on top. Zugleich kamen Tribute-Sampler wie Encomium in Mode, auf dem Bands wie Helmet, Duran Duran und Tori Amos Led Zeppelin interpretierten. Der Damm war gebrochen.

Mit welchem Eifer sich der Erfolg seither auf Tradiertes stützt, zeigt Pendzichs Dissertation: Dance, Techno, Rap, Soul mästen die Hitlisten mit kopierter Ware. Und als die sperrige LP von der fixen CD verdrängt wurde, erreichte auch das Recycling seinen Gipfel. Was Grandmaster Flash einst für die Sub-, wurden Jive Bunny & The Mastermixers in der Leitkultur: Bastler, nur mit Verkaufserfolgen. Die Briten verwursteten nicht weniger als 400 Songs zu absatzstarken Medleys – ein Stil, der später Bastard Pop getauft wurde. Zu Beginn der Achtziger waren 12 der 200 Topsingles Aufgüsse. Ende der Neunziger hatte sich die Quote verdreifacht. Tendenz steigend.

Zur Verklärung guter alter Zeiten besteht dennoch kein Grund. In der Version von Sonny Dae & His Knights verstaubte Rock Around The Clock in den Regalen, bis Bill Haley damit Halbstarke zum Kreischen brachte. Britney Spears verhunzte mit I Love Rock ’n’ Roll nicht Joan Jett, sondern The Arrows. Der Ruhm von House of the Rising Sun gebührt Bob Dylan, nicht den Animals. Oder besser Texas Alexander, der 1928 ein Volkslied verarbeitet hatte. Retortenstar Alexander Klaws muss noch viele Hits klonen, bis er die drei, vier Dutzend Coverschnulzen vom Alexander, Peter erreicht. Stones und Beach Boys haben sich ihre Meriten mit Debütcovers verdient. Und Kurt Cobain gab zu, Smells Like Teen Spirit sei geborgt.

Gefragt ist maximaler Ertrag bei minimalem Aufwand

Das Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durch den Pop, und eingenäht wurde er um 1940. Damals zählten Charts verkaufte Notenblätter, Musik lief live, Popstars gab es kaum. Und wenn doch, musste die Hautfarbe stimmen. Die Mittelschicht wollte keine Fats Dominos, also stellten die Plattenfirmen weiße Kopisten vors Mikro. Die völlige Umdeutung aber – vom Sample bis zum Bastard – ist ein Kind der postmodernen Neunziger.

Das Geschäft ist heute so schnell, die Konkurrenz so ruppig, dass für sanften Aufbau neuer Bands die Zeit fehlt. Private Radiosender, MTV und Viva taten mit konsensorientierten Inhalten ihr Übriges. Am Erfolg des Originals, sagt Thomas Wagner, der im Internet 60000 Neuverwertungen auflistet, "lässt sich leicht abschätzen, ob auch die Coverversion Erfolg haben könnte". Verkaufsgarant Stromlinienform. Wie im Film, wo ein Remake aufs nächste folgt, wird gern mit Netz und doppeltem Boden produziert.