Ach, diese Einfälle, und oh, die Ausfälle, diese Fülle an Ideen, dies Fallen von Personen und Knallen auf die Bretter, das ganze Theatergetue mit fließenden Gewändern und ohne Kleider, dies Auf und Ab und Kippen des Bühnenbodens samt einem oberen Stockwerk; dazu die Salven aus bodennahen Scheinwerferbatterien, das Glosen und Glimmen rötlichen Schummers in der Höh, blauer Lichtschlitze in Quadermauern und die Spots, senkrecht grellweiß auf die Scheitel von Rezitatoren – ganz doll das alles. Sechs Stunden lang beinah rast, brüllt, tobt und schleicht das Nibelungen- Spiel durch Liebe, Hass und Mord dahin, schreitet in Versen von Hebbel tüchtig aus, dribbelt im Kantinensprech, dröhnt chorisch und brabbelt in isländischer Kunstsprache und lässt – Mitternacht zog näher schon – ein glücklich geschlagnes Heer von Zuschauern von der Walstatt heimwärts gehn.

Was hat man alles geschaut und gehört, wie oft den Kopf geschüttelt, die Augen gekniffen, seine geprügelten Ohren angelegt, mal schlafnah, mal hellwach dem Gezerre der Helden und dem Geschwurbel der Theaterleute auf der Spur, hinterherhechelnd dem Sinn, auf der Flucht vor lärmenden Gags, doch immer mit dem Gefühl, im Auge eines Entertainments zu sein und für sein Geld was geboten zu kriegen. Aber was?

Siegfried, der Recke, tritt anfangs gleich im Dutzend auf, einer so blond und sportlich wie der andre und alle im weißen Leibchen mit "Siegfried"-Logo – immerhin, bei Hebbel heißt es: "Siegfried tritt mit seinen zwölf Recken ein." Alle für einen, alle sind einer. So brüllen sie uns in fabelhaft gedrilltem Silbenstechschritt die Ohren randvoll: dass Siegfried aus den Niederlanden nun da sei, mit Burgunden-König Gunther "zu kämpfen um sein Reich". Da ist nicht allzu viel zu tun, denn die braven Worms-Burgunden sind bloß eine Hand voll Businessmen auf einem Motivations-Weekend; so stehen sie, kaum hebt der Vorhang sich, stockstarr und blaffen uns chorisch an, dies sei "keine Zeit der Schwäche", schon bröckeln sie auf die Bretter und murren im Aufraffen über ihre Fallsucht, indem sie abermals erklären, dass dies die Zeit für Schwäche nicht sei: "Männer, reißt euch zusammen, auf euch ruht das ganze System!" (Sie fallen um, drei-, viermal.) Very funny – wir sehen gleich eingangs: Helden sind Trottel, Recken nur Gecken, Hagen (Hans Kremer) ist ein magenkranker Säuerling im Einreiher, König Gunther (Bernd Grawert) ein muffiger Bursch in seinem trägen Saft.

Nun kommen die Weiber ins Spiel, auch sie frontal vor uns auf breiter Bühne: blonde Mutter, blonde Kriemhild, jede strählt sich das Blondhaar und kommentiert derweil den Wettkampf der Recken im Hof. Hildegard Schmahl hat sich einen hinreißend dusseligen Sound zugelegt – eine ins Entgeisterte vergeistigte Märchenstiefmutter, die eh schon alles weiß und nie mehr was glaubt. Eingesperrt ist sie in riesenhohen Zyklopenmauern, deren Felsblöcke mit Stahlnetzen armiert sind: Andreas Kriegenburg, gelernter Tischler, ist zugleich sein eigner Bühnenbildner, auch dabei liebt er die wuchtigen Zeichen. Wiebke Puls ist neu an den Kammerspielen, steigt gleich mit der Hauptrolle ein und macht als Kriemhild bella figura, schön und groß und selbstbewusst, bloß später, wenn’s ans Rasen und Hassbrüllen geht, wenn sie die gewaltige Rächerin sein will, kommt nichts aus Tiefen, da behauptet sie nur mit überschrieener Kreischstimme – aber freilich, es ist auch nichts zuvor gewachsen innen drin. Bei niemandem.

Zuschauer, du müsstest Isländisch können

Kriegenburgs Lust an szenischen Einfällen anstelle psychologischer Durchdringung bietet den Augen vieles, dem Gefühl und dem Verstand nur wenig. Die Szene auf Island, dem einstigen Hort nordischer Götter und Sagen – bei Hebbel ein Disput Brunhilds mit ihrer Amme Frigga über den Untergang der alten Mythen und das drüben in Europa dräuende Christentum ("Jetzt herrscht das Kreuz, und Thor und Odin sitzen / als Teufel in der Hölle", ärgert sich Brunhild) –, ist Kriegenburg den erst possierlichen, dann ärgerlichen Gag wert, die beiden durchgehend ein Kunst-Isländisch parlieren zu lassen, woraus nicht hervorgeht, ob sie sich (lange, sehr lange) über Küchenfragen oder das Wetter unterhalten. Statt der "Christenfrage" lässt Kriegenburg ein stacheldrahtiges Großkreuz, eine Hohlform in der Felsmauer Burgunds, die Szenen überdräuen. Ohne Begründung, also sinnlos. Wäre die Frage nach Odin oder Christus, nach den überwundenen Germanengöttern und dem leer gewordnen Christentum, heute kein Erörtern wert? (Friedrich Hebbel und Richard Wagner sind im gleichen Jahr, 1813, geboren.)

Als verschnürtes Bündel wird Brunhild an Gunthers Hof geschleppt, jetzt endlich darf Julia Jentsch deutsch reden, hat allerdings kaum was zu sagen, denn jedes Einlassen auf Gefühle und deren Schwanken ist durch Zirkusgesten und Gewaltbilder ersetzt, Clownsnummern inklusive: Eine Geisha trippelt herein, fragt, ob "Blunhild getauft" sei; Siegfried raucht eine Zigarette und würgt am Husten; später, auf dem Kirchgang zur Heirat – sie elegant in weißem Kleid, er im Tennisanzug, flüstert Siegfried zwischen zwei lässigen Zügen: "Ich schenk dir den Nibelungenhort", "Au, danke", sagt Kriemhild. Solcherart sind die Scherze, Kantineneinfälle während der Proben, hier konstituierendes Regiekonzept, wie auch die häufigen Liedeinlagen in angerissenen Strophen, mal Schubert, mal Rockpop (immer die alte Leier: Castorf, Schleef, Marthaler…). Gunther will ein Tänzchen wagen mit der entschnürten Brunhild: "Wir lernen tanzen, komm", wird von ihr flachgelegt mit Schulterwurf. "Nein", mault er, "der Mann muss führen!" Schon nimmt sie ihn in den Würgegriff. "Sigi", sagt Gunther, der die Hochzeitsnacht mit seiner bärenstarken Brunhild nicht schafft, "Sigi, weißu was: Knall sie einfach durch, rein, raus, rein, raus! So, ja." Und dann, nach ihrer Schwächung durch Tarnkappen-Sigi, ist Julia Jentsch ganz weiche Matschseele, tanzt knutschig mit Siegfried und murmelt "Gunther" an seinen Hals; ein Dreier im Tanz, ein Sandwichfoxtrott, traumhaft. Man dressiert sie zur Gattin, stopft sie in ein rosa Doofkleidchen, drückt ihre schwarzen Strähnen unter eine Blondperücke, sie steht stumpf und dumpf zur Verfügung, kriegt das Mäulchen rot überschminkt, wischt sich’s ab, neues Rot, neuer Wisch, rotverschmierter Clown tänzelt aufgezogen, schnappt sich eine Riesentüte Crispies und frisst – Julia Jentsch als Halloween-Püppchen, der man den Verstand rausoperiert hat.

Hinreißende Szenen wechseln mit ärgerlich ausgewalzten Scherzen. Mal reibt sich einer, wie aus Versehen, mit rußiger Handfläche erst ein Oberlippenbärtchen, dann eine Hitler-Strähne quer über die Stirn; mal singen sie, dass "kein schöner Land in dieser Zeit" sei; dann singt Gunther an der Hammondorgel " When a man loves a woman"; nun greift Kriemhild ihrem Siegfried rubbelnd in die Hose, hält die Hand unter Brunhilds Nase, ob sie nichts merke? Davon erledigt, stupst Bruni ihr Gesicht vor alle erreichbaren Hosen und lallt: "Will keiner die Nutte des Königs ficken?" – Man merkt schon, es geht nicht eben glückhaft zu am Hofe, mit der Liebe isses nich weit her. Womit dann? Und worum geht’s?