Er kam vor 35 Jahren zur ZEIT, als das Blatt in einem rasanten Aufschwung war, und er trug kräftig dazu bei, dass die Auflage bis an die Halbmillionen-Marke stieg: Gerhard Prause. Als Tratschke gab er der gesamten historisch interessierten Nation jede Woche Rätsel auf: Wer war's?

Gerd Prause hatte Literaturwissenschaft und Geschichte studiert. Er kam von der Welt am Sonntag, wo er den Kulturteil leitete, zur ZEIT. Bei uns wurde er erst Redakteur, dann Ressortleiter Modernes Leben, verantwortlicher Redakteur der Seite Politisches Buch, schließlich Archäologie-Reporter. Aber sein Ruf gründete vor allem auf der Kolumne Tratschke fragt: Wer war's?. Von 1966 an erschienen sie nacheinander im Modernen Leben, im ZEITmagazin und im Leben - bis heute.

Warum das Pseudonym Tratschke? Thomas von Randow schrieb damals - als Zweistein - schon seine populäre Logelei. Sie sollte durch eine Knobel-Kolumne aus dem Bereich der Geschichte ergänzt werden. Das Pseudonym, das sich außerdem anbot, weil Prause auch für die Konkurrenz arbeitete, sollte wiederum an eine Figur aus dem richtigen Leben erinnern. Da bot sich Tratschke an: eine Anspielung auf den Historiker Heinrich von Treitschke (1834 bis 1896). Die Enträtselung der Kolumne wurde bald zum freitäglichen Gesellschaftsspiel einer großen Fangemeinde. Die in 15 Bänden gesammelten Episoden erreichten im Laufe der Jahre eine Auflage von über einer Viertelmillion.

Prause konnte Geschichte in Geschichten auflösen. Was er schrieb, war historisch gesichert, elegant formuliert und unterhaltsam inszeniert. Es ging ihm nicht um die res gestae, den Ablauf der Ereignisse. Ihn interessierten die Schwächen und Schrullen der Menschen, ihre Eitelkeiten und Verschrobenheiten, ihre Laster, Lüste und Liebhabereien, ihre Ängste und Albträume. Er liebte es, Legenden zu killen, Fälschungen zu entlarven, historische Illusionen aufzudecken, Fehldeutungen zu enthüllen, anscheinend Unumstößliches mit spitzer Feder umzustoßen. Da verstand sich der Schriftsteller Prause vor allem als Richtigsteller.

Er konnte auf den Spuren der Geschichte fesselnd über die großen Ausgrabungen der zeitgenössischen Archäologie berichten. Aber auch der große geschichtliche Wurf war ihm nicht fremd: In seinem Herodes der Große ließ er diesem als größtes Scheusal der Welt verleumdeten König der Juden späte Gerechtigkeit widerfahren. Alle Bücher Prauses erreichten hohe Auflagen und wurden in viele Sprachen übersetzt.

Gerhard Prause war ein glänzender Redakteur - voller Einfälle für sich und andere - voller Ideen, wie sich aktuelle Themen historisch erhellen ließen - voller freundlicher Hilfsbereitschaft - ein unaufgeregter Kollege, ruhig und zuverlässig, ein Schwerarbeiter am ZEIT-Schreibtisch. Woher er die Zeit nahm, auch noch all seine Bücher zu schreiben, seine Fernseh-Skripte und Hörspiel-Reihen, blieb uns immer ein Rätsel - eines, für das er nie eine Auflösung mitteilte.

Die erste Wer war's-Kolumne erschien in der ZEIT Nr. 02/66. Es ging um eine Frau, die aus Angst, lebendig begraben zu werden, verfügte, man möge sie nach ihrem Tode einbalsamieren und in ein marmornes Becken voller Alkohol legen - Madame Necker, die Mutter der Schriftstellerin Germaine de Staël. In der vorigen Woche fragte Tratschke nach einem verwöhnten Muttersöhnchen, das in der elterlichen Waschküche Kunstgeschichte studierte und sich später selbst zum großen Kunstwerk stilisierte - Salvador Dalø.