Kiew

Es wurde eine unfreiwillige Kabarettnummer, als Ludmila Janukowitscha, die Ehefrau des Regierungskandidaten für das Amt des ukrainischen Präsidenten, vor den Anhängern ihres Mannes in Donezk auf die Bühne stieg. Die Dame im sowjetischen Matronenschick kam gerade aus der Hauptstadt der orangefarbenen Revolution und wusste Schreckliches zu berichten: "In Kiew essen alle Orangen. Aber die Früchte sind mit Drogen versetzt." Deshalb seien die Demonstranten so willenlos high. Im revolutionären Chaos wucherten die Krankheiten, und die Zahl der Meningitis-Fälle steige täglich. Dann fand Ludmila noch Berge von Filzstiefeln. "Die kamen aus Amerika", erklärte sie triumphierend.

Ludmilas Offenbarungen aus der Revolutionshölle spiegeln das Misstrauen und Unverständnis wider, das große Teile der ukrainischen und russischen Politelite dem orangefarbenen Massenaufstand in Kiew entgegenbringen. Die Vorstellung, dass Hunderttausende aus eigenem Antrieb auf die Straße gehen, liegt so weit außerhalb des sowjetisch geprägten Weltenrasters, dass auch Russlands Präsident Wladimir Putin hinter jeder kritischen Journalistenfrage einen zahlenden Auftraggeber wittert. Die Politikberater des Kremls hatten sich in der ukrainischen Präsidentschaftswahl auf Wiktor Janukowitsch und die erfolgreiche Wucht von Geld und Staatsmaschine verlassen. Ihre Fehleinschätzung der Wirklichkeit könnte auch Russland eines Tages orangefarbene Zustände bescheren. Vorerst bleibt der Revolutionsexport nach Moskau jedoch ausgeschlossen.

In allen vier Ländern des gemeinsamen Wirtschaftsraumes von Russland, Weißrussland, Kasachstan und der Ukraine fanden in diesem Jahr Wahlen statt, die demokratischen Ansprüchen kaum genügten. Doch nur das aus russischer Sicht eher phlegmatische Bauernvolk der Ukrainer wehrte sich gegen ein System, bei dem die Machtübergabe an einen Kronprinzen von oben gesteuert wird. Hörer des Moskauer Radiosenders Echo Moskwy stellten im Ton großrussischer Überheblichkeit fassungslos die Frage, warum die Ukrainer eine Revolution auf die Beine brächten – und die Russen nicht. Ausgerechnet Kiew soll die Stadt der Avantgarde sein? Moskau musste schmerzvoll erkennen, dass sich Russland und die Ukraine trotz ihrer gemeinsamen Geschichte grundsätzlich unterscheiden.

Die russischen Bauern wählen den, der ihnen Wodka ins Dorf stellt

"In der Ukraine ist eine richtige Zivilgesellschaft entstanden", resümiert Anatolij Ratschok, Generaldirektor des privaten Rasumkow-Zentrums für wirtschaftliche und politische Studien in Kiew. "Präsident Leonid Kutschma wurde in seiner Amtszeit nicht zum Diktator, da er ständig zwischen verschiedenen Machtgruppen lavieren musste. Er wuchs dabei zum Meister der Intrige, konnte aber die wachsende Zivilgesellschaft nicht unterdrücken." Auch schon früher sei die Ukraine freier gewesen. "In Russland stellten die Machthaber ein paar Kisten Wodka ins Dorf und wurden dafür von den Bauern gewählt", erzählt Ratschok. "In der Ukraine dagegen trinkt man den Wodka und wählt dennoch, wen man will."

Für den Oppositionskandidaten Wiktor Juschtschenko gehen vor allem die Jugend, Vertreter der Mittelklasse und der Intelligenz seit fast drei Wochen auf die Straße. Sie haben ein Unternehmen, Besitz oder ihre Zukunftschancen zu verlieren. "Viele der Jugendlichen wurden in Gorbatschows Perestrojka hineingeboren", erklärt Ratschok. "Sie haben keine Pioniere oder Komsomolzen mehr erlebt, sondern wurden zu Persönlichkeiten erzogen." Während der industrialisierte Osten des Landes noch vom Denken in Kollektiven geprägt ist, orientieren sich der Norden und Westen seit Jahrhunderten an Mitteleuropa. Viele Ukrainer zogen als Wanderarbeiter durch die westlichen Länder Europas und brachten neben bescheidenem Besitz ihr Wissen um das ausländische Leben in die Heimat zurück. Doch wer sich in der Ukraine ein kleines Unternehmen aufbauen möchte, scheitert oft an den Bestimmungen und Schutzgeldern der Behörden. "Die Menschen fordern klare Spielregeln für alle, einen Rechtsstaat", sagt Ratschok. Die orangefarbene Revolution symbolisiert die Geburt eines neuen postsowjetischen Individuums.

Dieses Geschöpf löst in Russland Beklemmungen aus. Putin hat bereits angekündigt, er werde seinen Nachfolgekandidaten persönlich erwählen. Doch das russische System des kontrollierten Machtwechsels ist in der Ukraine gescheitert, obwohl Putin den Regierungskandidaten Janukowitsch nachdrücklich unterstützte, im falschen Glauben, er sei unbesiegbar. Im neuesten Moskauer Witz gratuliert Putin ihm 14-mal zum Sieg, bis es sogar Janukowitsch zu viel wird.