Als Sura vom Sonderkommando erschossen wurde, war sie 22 Jahre alt, genauso alt wie ich jetzt. Aber ich möchte überhaupt nicht sterben ? nicht für den Frieden auf der Welt, nicht für einen geliebten Menschen, nicht für Gott. Ich will leben. In diesem Alter schalten sich gerade erst die Geschmacksrezeptoren ein, man beginnt zu fühlen, wie es schmeckt, das Leben. Warum es also abbrechen, wo es einem nur einmal gegeben ist?

Sura war nicht der Auffassung, dass mit dem Tod alles vorbei sei. Sie dachte, dass mit dem Tod erst allesrichtig losgehe. In paradiesischen Gärten und einem Schlaraffenland. Um das Leben, das sie führte, tat es ihr nicht leid. Armut, TeenagerKomplexe, eine unerwiderte Liebe. Eine ewige innere Anspannung und draußen ? der Tschetschenien-Krieg, nächtliches Klopfen an der Tür und die Gesichter betrunkener Soldaten. Dieses Leben hier ist ein nicht enden wollender Dreck, Sura aber sucht nach Reinheit. Nach dem Licht am Ende des Tunnels. Und sie meint, dass sie es gefunden hat, es ist bei Allah. (...)

Die Begleitperson bei Selbstmordattentaten ist fast immer ein Mann. Er kontrolliert die Situation, und sobald ein Störfaktor auftritt, der die Aktion gefährden könnte, wählt er die entscheidende Tastenkombination und schickt die Frau zu Allah, zur "Hochzeit". Diese Tatsache wird von den Geheimdiensten sorgsam verschwiegen. Fata lerweise. Denn wie sich herausstellt, sind die Schahidinnen (Selbstmordattentäterinnen) keine Mörderinnen, sondern selbst Opfer von Mördern. Nicht sie sprengen sich in die Luft, sondern sie werden in die Luft gesprengt. Sie werden entführt, indoktriniert, mit dem Sprengsatz behängt, zum Ort des Geschehens gebracht, in die Menge geschickt, und dann zerreißt es sie in Stücke (...)

Um zu verstehen,warum Sura nicht an das Gute auf Erden glauben konnte, fahre ich nach Samaschki, in das tschetschenische Dorf, in dem sie geboren wurde. Das Polizeirevier erinnert eher an einen landwirtschaftlichen Speicher. Am Eingang stehen drei Milizionäre mit Gewehren über der Schulter. Als sie von "Nord-Ost" hören (dem 2002 von tschetschenischen Attentätern besetzten Moskauer Theater), erschrecken sie, wechseln einen Blick und bringen mich zum "Dorfsheriff". Der betagte Tschetschene Ljoma seufzt, als ich ihn nach der Familie frage. "Sie wohnen hier schon seit vielen Jahren nicht mehr, sie sind ins Dorf Assinowskaja gezogen. Von dort aus hat sich Sura auch auf den Weg zum "Nord-Ost" gemacht." ? "Warum sind sie dorthin umgezogen?"

"Sie konnten sich hier nicht einleben. Verstehen Sie, sie hatten sehr schwierige Familienverhältnisse. 1988 war der Vater bei einer Schlägerei gestorben. Er war betrunken, sein Bruder auch, sie zankten sich, stürzten sich mit Messern aufeinander. Und das war tödlich. Seitdem hat die Mutter die beiden Mädchen allein aufgezogen ? Sura und ihre ältere Schwester. Sie zogen erst in ein anderes Dorf, dann nach Assinowskaja. Sie waren wie Flüchtlinge, hatten keine eigene Wohnung, mieteten nur einen Winkel an. Sie waren arm."

"Waren sie religiös?"

"Davon weiß ich nichts. Sura war ganz klein, als sie von hier wegzogen. Ihre Mutter war eine Arbeiterfrau. Was dann aus ihnen wurde, weiß ich ehrlich nicht, fahren Sie nach Assinowskaja." In Tschetschenien keinen Vater zu haben ist ein Vorbote einer trostlosen Zukunft. Als "Vaterlose" hat man sich ein für alle Mal zu merken, dass niemand da ist, der einen verteidigt, wenn man angegriffen wird. Und Sura hatte nicht einmal einen älteren Bruder: Die Familie bestand ausschließlich aus Frauen, wehrlos und schwach. Und das in einer muslimischen Republik zu Kriegszeiten. Diese Tatsache dürfte keine geringe Rolle dabei gespielt haben, dass Sura zunächst bei den Wahhabiten und später auch im Kader der Geiselnehmer des "Nord-Ost" war. In Assinowskaja gibt es kein Café, keine normalen Geschäfte, nicht einmal ein Polizeirevier.