Angesichts des Fehlschlags verkünden die Medien wieder einmal das alte Lied: Nichts bewegt sich in Nordirland. Die Betonköpfe verhindern erneut den Durchbruch. Das ist, oberflächlich betrachtet, keine falsche Deutung. Denn vorerst wird die Provinz weiter direkt von London aus regiert werden müssen. Dabei war ein Deal zum Greifen nahe, wie Tony Blair und Irlands Premier Bertie Ahern unisono verkündeten. Nicht mehr als ein paar Fotos verhinderten die Wiederherstellung von Regierung und Parlament der Provinz auf der Basis strikter Gewaltenteilung. Alle kniffligen Fragen waren während der monatelangen Verhandlungen abgehakt worden. Die katholische Untergrundorganisation IRA soll sogar bereit gewesen sein, ihr restliches, immer noch beachtliches Waffenarsenal, bis zum Weihnachtsfest endgültig zu beseitigen. Nur eines wollte die IRA nicht konzedieren - eine Serie von Fotos dieser wahrlich historischen Geste, selbst wenn sie erst im März nächsten Jahres nach der Inthronisierung der neuen Belfaster Regierung veröffentlicht worden wären.

Bei den IRA-Kämpfern handelt es sich offenbar um sehr sensible Gemüter. Sie würden sich durch solche Fotos gedemütigt fühlen, hieß es. Ein Argument, das sich mit etwas gutem Willen gerade mal nachvollziehen lässt. Auch wenn vor einigen Jahren loyalistisch-protestantische Freischärler nichts dagegen hatten, dass die Zerstörung ihrer Waffen ausführlich per Videokamera festgehalten und im Fernsehen gezeigt wurde.

Genauso lässt sich mit etwas Mühe der Wunsch der demokratischen Unionisten unter Führung von Ian Paisley verstehen, ihren misstrauischen Anhängern mehr an harter Evidenz für die Abrüstung zu bieten, als allein das Wort des kanadischen Abrüstungsbeauftragten General de Chastelain und zweier kirchlicher Beobachter. Auch wenn man den Verdacht nicht los wird, dass der 78-jährige Paisley die Fotofrage auch dazu nutzte, den Deal zu verhindern, weil er es nicht über sich bringen mochte, am Ende mit Politikern eine Regierung bilden zu müssen, die in seinen Augen „Mörder“ sind und von denen er provokativ verlangte, sie müssten wegen ihrer vergangenen Schandtaten wie die gesamte IRA „in Sack und Asche gehen“.

Das Wortgeklingel und die Versuche von Sinn Fein und Unionisten, sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben, verstellen den Blick auf das Erreichte. Was immer die Streithähne sagen mögen – der nordirische Friedensprozess hat nicht nur viel erreicht. Er ist irreversibel. Das Glas ist zu vier Fünfteln voll. Das letzte Fünftel, funktionierende politische Instanzen in Belfast, wird in nicht allzu ferner Zukunft gefüllt sein. Vier Gründe lassen sich für dieses positive Fazit anführen:

Seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 und dem Ende paramilitärischer Gewalt hat sich das Leben in der britischen Provinz immer stärker normalisiert. Belfast boomt, Restaurants und Geschäfte locken Besucher auch aus der Irischen Republik, wo wegen des Euro die Preise meist deutlich über denen in Nordirland liegen. Der wirtschaftliche Aufstieg Großbritanniens hat auch auf Nordirland durchgeschlagen. Die Provinz weist eine gute Infrastruktur auf, hat niedrige Lebenshaltungs- und Wohnkosten sowie eine abnehmende Arbeitslosigkeit. Diskriminierung ist legal wie de facto ausradiert worden. Die Nordiren beider Bevölkerungsgruppen wollen keinen Rückfall in die Vergangenheit. Terroristen und Untergrundarmeen aber brauchen eine soziale Basis, um „wie Fische im Wasser zu schwimmen“. Die ist auf beiden Seiten erodiert. Das heißt nun nicht, dass in Nordirland idyllische Zustände herrschen. In den Vierteln der Arbeiterklasse, aus denen überwiegend Täter wie Opfer des Konflikts stammen, existiert nach wie vor Gewalt. Politisch motivierter Terrorismus wurde durch professionelles Gangstertum ersetzt. Das aber ist ein Problem, von dem die meisten Gesellschaften geplagt werden.

Der Wunsch der Konfliktparteien, endlich die Finger an die Hebel der Macht zu bekommen und Ministerjobs zu ergattern, ist größer als die Abneigung gegeneinander. Auf lokaler Ebene arbeiten Sinn Fein und die DUP Ian Paisleys schon seit Jahren erstaunlich konstruktiv zusammen. Eher könnte sich für die nordirischen Politiker ein Problem ergeben aus dem wachsenden Desinteresse der Nordiren an der Selbstverwaltung ihrer Provinz. Seit der Suspendierung der nordirischen Regierung und des Parlamentes wird die Provinz direkt von London aus regiert. Umfragen deuten daraufhin, dass mehr und mehr Nordiren eine wohlwollende britische Verwaltung einer Regierung der eigenen Politiker vorziehen. Zumal Protestanten wie Katholiken in der gewaltenteiligen Konstruktion, die von der Verfassung zwingend vorgeschrieben ist, zwangsläufig personelle Kröten zu schlucken haben. Den einen dreht sich der Magen um, sollte der ehemalige IRA-Kommandeur Martin McGuiness Vizepremier werden, die anderen können sich nicht mit einem donnernden Scharfmacher wie Ian Paisley als Regierungschef abfinden.

Die „Kämpfer“ sind müde und übergewichtig geworden. Es mangelte ihnen an Gelegenheiten, Gewaltakte waren von der Führung nicht länger erwünscht, sieht man von vereinzelten Aktionen ab. Vor allem konnte keine neue Generation von „gunmen“ und „gunwomen“ nachwachsen, weder bei der IRA noch bei den loyalistischen Gruppen auf protestantischer Seite. Die Verfechter des alten revolutionären Glaubens bei der Real IRA und der Continuity IRA sind weitgehend ausgeschaltet worden. Irische und britische Geheimdienste wie Polizei haben ihre Arbeit wirkungsvoll koordiniert.