Ein glänzender Militär, aber ein politischer Versager – so lautete das Urteil vieler in Antike und Neuzeit über Pompeius. Er hatte das Pech, schon in den Quellen im Schatten seines mächtigen, ja übermächtigen Rivalen und Gegenspielers Gaius Julius Caesar zu stehen. Auch in der modernen Historiografie wurde er immer wieder an Caesar gemessen. Theodor Mommsen hat in seiner klassischen Römischen Geschichte Caesar als den "demokratischen Volksgeneral" gefeiert, der der maroden res publica nochmals unsterblichen Ruhm verlieh und der den eigentlichen Ziel- und Höhepunkt der republikanischen Entwicklung darstellte; seinem Widersacher blieb zwangsläufig nur die undankbare Rolle des "nachgemachten großen Mannes".

Karl Christ hat eine schlanke, elegante und gut lesbare Biografie des Pompeius vorgelegt, der in seinen Augen "die Strukturprobleme der späten römischen Republik" personifizierte. Gerade einmal 23 Jahre alt, stellte Pompeius 83 vor Christus eine Privatarmee auf, mit der er Sulla im Bürgerkrieg gegen Marius unterstützte. Für den Diktator eroberte er Sizilien und Afrika, ließ sich von seinen Soldaten als "Magnus" akklamieren und ertrotzte von Sulla 79 einen Triumph.

Kompromisslos verfolgte Pompeius seine Karriere. Statt auf politische Ämter setzte er auf militärische Erfolge. Ein außerordentliches Kommando folgte dem anderen. Zunächst focht er in Spanien gegen den alten Sulla-Gegner Sertorius. Als er 71 nach Italien zurückkehrte, ließ er in den Pyrenäen ein Siegesdenkmal errichten, das von 876 eroberten Städten kündete. In Rom feierte er seinen zweiten Triumph und wurde zum Konsul gewählt. Der einstige Günstling Sullas liquidierte nun die letzten Reste der sullanischen Ordnung. Im Jahre 67 wurde ihm gegen den Willen des Senates der Krieg gegen die Piraten übertragen. Ausgestattet mit 20 Legionen und 500 Schiffen, erledigte er seine Aufgabe in drei Monaten. Im folgenden Jahr kämpfte er gegen den pontischen König Mithradates VI., drang bis zum Kaspischen Meer vor, besetzte 63 Judaea und reorganisierte effizient den römischen Herrschaftsbereich in Kleinasien und im gesamten Nahen Osten.

Als Feldherr gefiel er sich in der Pose Alexanders des Großen

Mit Bangen erwartete man unterdessen in der Heimat die Rückkehr des Siegers. Bevor er 62 in Italien eintraf, liefen Gerüchte um, er strebe nach Alleinherrschaft und werde mit seinen Legionen wie einst Sulla gen Rom ziehen. Doch kaum war er in Brindisi angekommen, entließ er seine Truppen, da der Senat ihm zugesichert hatte, seine Verfügungen im Osten anzuerkennen und seine Soldaten zu versorgen. Seines Heeres ledig, konnte Pompeius seine politischen Forderungen nicht durchsetzen. Politisch isoliert, suchte er das Bündnis mit Crassus und Caesar, der in seinem Konsulatsjahr gegen erbitterten senatorischen Widerstand und unter flagranter Verletzung der Verfassung Pompeius’ Verfügungen ratifizierte und den Veteranen Land verschaffte.

Die Verbindung zwischen Caesar und Pompeius, die durch die Hochzeit des Pompeius mit Caesars Tochter Julia gefestigt wurde, prägte die römische Innenpolitik der folgenden Jahre. Während Caesar Gallien eroberte, blieb Pompeius als starker Mann in Rom, wo Straßenkämpfe tobten und Anarchie herrschte. Nach Julias Tod 54 beschleunigte sich die Entfremdung zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn. 52 kam es zum Bündnis zwischen dem Senat und Pompeius, dem nun als "Konsul ohne Kollegen" die Aufgabe übertragen wurde, die zerrüttete Ordnung wiederherzustellen. Drei Jahre später, im Bürgerkrieg gegen Caesar, setzte er sich an die Spitze der senatorischen Truppen, errang erste Erfolge, wich aus strategischen Gründen aus Italien nach Griechenland. Bei Pharsalos verlor Pompeius am 9. August 48 die Entscheidungsschlacht. Er floh nach Ägypten und wurde bei seiner Ankunft in Alexandria ermordet – am Tag vor seinem 58. Geburtstag.

Christ entwirft ein klar konturiertes Lebensbild: Pompeius ist bereits in jungen Jahren ein fähiger General und ein umsichtiger Organisator, der kompromisslos seine Interessen durchsetzt, der Erster in Rom sein möchte und der dennoch sorgsam darauf achtet, sich mit keinem seiner Senatskollegen zu überwerfen. Ehrgeizig, beflissen ist er, aber auch unsicher. Als siegreicher Feldherr und Stadtgründer gefällt er sich in der Pose Alexanders des Großen, doch am Vorabend des mörderischen Bürgerkriegs lässt er sich zum Werkzeug der intransigenten Optimaten machen. Gewiss, als Einzelgänger ist Pompeius mit Caesar vergleichbar, aber ihm fehlen dessen "Dynamik, Rücksichtslosigkeit und machtpolitische Konsequenz". Christs Urteil ist scharf und vernichtend: Pompeius war kein Staatsmann.

Allein, was lernen wir aus Pompeius’ Biografie für die Geschichte der späten Republik? Seine "provozierende Megalomanie" und die "hypertrophe Befriedigung seines maßlosen Ehrgeizes" reflektieren eben nicht nur individuelle Charaktereigenschaften, sondern ein aristokratisches Standesethos, das in erster Linie auf dem Nachweis von militärischen Verdiensten für die res publica beruhte. Die Karriere des Pompeius exemplifiziert die rasante Individualisierung der Außen- und Militärpolitik in der ausgehenden Republik, die immer stärker von den Machtinteressen Einzelner und ihrer Klientel bestimmt wurde. Seine Biografie verdeutlicht die Widersprüchlichkeit des senatsoligarchischen Systems, das einerseits von seinen Politikern forderte, den römischen Herrschaftsanspruch im gesamten Mittelmeerraum zu vertreten, und das anderseits die besten Köpfe in die enge stadtstaatliche Ordnung zwang. Pompeius scheiterte an der alten res publica, weil er nicht die Kraft und die Skrupellosigkeit hatte, sie hinwegzufegen.