Eine Bemerkung in den Erinnerungen von John Maynard Keynes an die Tage in Versailles lässt aufhorchen: "Der Antisemitismus, in einer solchen Versammlung nie weit unter der Oberfläche, war in allen Herzen erwacht." 1920 hat der prägende Ökonom des kurzen 20. Jahrhunderts John Maynard Keynes diese Beobachtung im Memoir Club des berühmten Bloomsbury-Kreises, zu dem auch Virginia Woolf zählte, vorgetragen – erzählt in einer Zeit, als die einzelnen Mitglieder gerade auf eine interessante Lebensgeschichte zurückschauen konnten, die sich für den Mittdreißiger Keynes bei den Versailler Friedensverhandlungen zwanglos mit der Weltgeschichte verknüpfen ließ.

1919 hatte er mit den damals mächtigsten Männern der Welt, den politischen Siegern des Great War, zusammengesessen, um die Reparationsforderungen an das geschlagene Deutschland zu diskutieren. Aus Keynes’ altklugem Ton lässt sich die unerschütterliche Selbstsicherheit einer herrschenden Klasse heraushören, die über Jahrhunderte ihren Zöglingen die beste Erziehung angedeihen ließ, damit sie, auch auf sich allein gestellt, an jedem Punkt der Welt Ruhe und Übersicht bewahren konnten. Intellektualität und Macht sind nicht durch einen Hiatus voneinander getrennt, wie man es aus Deutschland gewohnt ist. Keynes tut seinen intellektuellen Freunden gegenüber so, als ob er es gewohnt sei, auch "einer solchen Versammlung" mit dem Gestus individueller Reserviertheit beizuwohnen. Den Antisemitismus, den er unter den Mächtigen dieser Welt beobachtet, schildert er wie das Aufkommen eines schlechten Wetters – an die Oberfläche gebracht durch einen hohen französischen Beamten, einen Dr. Klotz, der die französischen Ansprüche auf deutsches "Goold" formuliert. Unter den Versammelten macht der Spitzname "Klotzky" die Runde, in dem die Revolutionsangst der kontinentalen Delegierten mitschwingt.

Aber auch darüber ist ein Keynes erhaben, der es schon vor dem Krieg als Apostel, als Mitglied des berühmtesten Cambridger Debattierclubs, gelernt hatte, sich von nichts und niemandem beeindrucken zu lassen. Er leistet sich sogar Sympathie für einen "geschlagenen Feind", nicht für die "Hunnen" selbst, sondern für einen Hamburger namens Dr. Melchior, der zwischen Baum und Borke die Ansprüche der Alliierten mit den Enteignungsängsten deutscher Unternehmer, Uneinsichtigkeiten geschlagener preußischer Militärs und Befürchtungen einer unerfahrenen Weimarer Notregierung vereinbaren muss. In Melchior erkennt er einen hanseatischen Juden, den er beobachtet wie ein seltsames edles Exemplar einer Gattung, das einer anderen herrschenden Klasse dient, aber nicht zu ihr gehört.

Verblüffendes Nebeneinander von Klugheit und Borniertheit

Bei der Lektüre von Keynes’ Erinnerungen ergreift einen das gleiche Erstaunen wie beim Lesen des Dreyfusards Zola, nämlich das Erstaunen darüber, dass man immer wieder an die Tatsache erinnert werden muss, dass der Antisemitismus weder eine deutsche Exklusiverfindung noch ein spontanes Produkt von ungebildeten und verelendeten Unterschichten ist. Die klügsten und differenziertesten Vertreter europäischer Kultur wurden selbst von ihm affiziert, oder sie hatten es gelernt, mit ihm indifferent, wie mit einer Naturtatsache, zu leben. Das entschuldigt keinen Mörder aus Deutschland, macht aber vielleicht das Gefühl der Unentrinnbarkeit verständlich, das jüdische Flüchtlinge aus Nazideutschland ergriff, wenn sie in den dreißiger Jahren Frankreich oder England erreichten.

Gefühlslage und Reflexionsstand eines John Maynard Keynes im Jahre 1938 werden aus dem zweiten Text dieses kleinen, aber feinen Bandes deutlich, in dem der inzwischen Mittfünfziger seine "frühen Überzeugungen" kommentiert. Das Nebeneinander von Klugheit und Borniertheit auf engstem Raum macht die Lektüre atemberaubend. Keynes ist eben mehr gewesen als ein feinsinniger Intellektueller aus Bloomsbury und ein brillanter Ökonomieprofessor aus Cambridge. In diesem zweiten Text liefert er Einblicke in eine geistige Gesteinsverschiebung, die ein jüngerer Cambridge-Adept wie Eric Hobsbawm überzeugend als Unterscheidung von langem bürgerlichen 19.Jahrhundert und kurzem 20. Jahrhundert sichtbar gemacht hat. Keynes versucht im Bereich nationaler Besonderheit zu finden, was in der gesellschaftlichen Differenz begründet ist: "Im Angesicht des Himmels erhoben wir den Anspruch, die eigenen Richter in unseren jeweils eigenen Fällen zu sein. Ich denke mir mittlerweile, daß dies vielleicht eher ein russischer Zug ist. Ein englischer ist es gewiß nicht."

Den entfesselten Gewalten des 20.Jahrhunderts konnte der gottlose Glaube an den Individualismus nicht standhalten; aber ein Keynes hatte es gelernt, jenseits einer leidenschaftlichen Moral einen kühlen Kopf zu bewahren. Das ermöglichte es ihm, zu dem Ökonomen des kapitalistischen Golden Age, 1943 bis 1973, zu werden. Dieses lesenswerte, schön gemachte Buch ermöglicht Innenansichten, wie er es wurde.