Die literarischen Parallelen sind verblüffend. Wie sich Gregor Samsa eines Morgens "zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt" findet oder wie Josef K. eines Morgens verhaftet wird, "ohne daß er etwas Böses getan hätte", so erlebt auch ein junger Mann aus Wien die absurde Situation: "Eines Morgens hämmert die Gestapo an seine Tür oder kommt an seinen Arbeitsplatz, nimmt ihn ohne weitere Erklärung mit, und bald darauf findet er sich in einem Konzentrationslager wieder. Warum er dort ist, kann er nur raten."

Dass Kafkas Werk die moderne Ordnung des Terrors literarisch bis ins Einzelne antizipiert habe, gilt inzwischen als Gemeinplatz. Kaum irgendwo sonst aber wird dieser Befund präziser bestätigt als in einem Buch, das erst jetzt, rund sechzig Jahre nach seiner Entstehung, das Licht der Öffentlichkeit erblickt: in Paul Martin Neuraths Dissertation Die Gesellschaft des Terrors.

Neurath, Jahrgang 1911 und Sohn des Philosophen Otto Neurath, eines der führenden Köpfe des Wiener Kreises, erlebte seine politische Sozialisation im Milieu des "Roten Wien" der zwanziger und dreißiger Jahre. Neben dem Jurastudium nahm er an Lehrveranstaltungen in Soziologie, Psychologie, Ökonomie und Geschichte teil. Als er kurz nach dem "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich von der Gestapo festgenommen wurde, hatte er gerade drei Wochen seines Gerichtsjahres hinter sich, das zur Vervollständigung seiner Ausbildung zum Juristen nötig war.

Am 1. April 1938 kam Neurath mit dem ersten Transport von 150 Österreichern in das KZ Dachau, im September wurde er mit einer Gruppe anderer Häftlinge ins Lager Buchenwald überstellt – Kategorie: Politischer Jude – und im Mai 1939, also noch vor Kriegsausbruch, entlassen, weil er offenbar über ein Ausreisevisum verfügte. Dass Neurath die brutalen Bedingungen des Lagerlebens überstand, verdankte er nicht zuletzt seiner Jugendlichkeit und robusten körperlichen Verfassung. Über Schweden gelangte er schließlich Anfang Juni 1941 in die Vereinigten Staaten, wo er sich an der New Yorker Columbia University unverzüglich auf das Studienfach Soziologie warf. Dort entstanden in relativ kurzer Zeit die Grundzüge seiner geplanten Dissertation über seine Erlebnisse und Erfahrungen in Dachau und Buchenwald. Es dauerte bis zum Jahr 1951, dass Neurath die Schrift als soziologische Dissertation einreichte. Im Druck erschien sie nicht.

Im Abstand von mehr als einem halben Jahrhundert liest man Neuraths Arbeit – eine Mischung aus persönlicher Erinnerung und wissenschaftlicher Beobachtung – natürlich in erster Linie als historisches Dokument. Noch während des Krieges entstanden, gehört sie neben den Erfahrungsberichten von Bruno Bettelheim (Individual and mass behavior in extreme situations, 1943), Viktor Frankl (Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, 1946), Eugen Kogon (Der SS-Staat, 1946) und Benedikt Kautsky (Teufel und Verdammte, 1946) zu den frühesten Zeugnissen über das NS-Lageruniversum. Allerdings wurde das öffentliche Interesse an der Aufklärung über die Realitäten des Lagersystems sehr bald durch zwei Faktoren gedämpft: Zum einen okkupierten die unmittelbar nach Kriegsende veröffentlichten schockierenden Fotos von Verbrennungsöfen und Leichenbergen ermordeter KZ-Häftlinge die Erinnerungen der Zeitgenossen und drängten nüchterne "Sachberichte" wie die Kogons und Frankls in den Hintergrund. Zum andern sorgte die Konstellation des Kalten Krieges dafür, dass das öffentliche Interesse an den Lagern bald erlahmte und sich anderen Themen zuwandte. Man braucht nur an die immensen Schwierigkeiten zu erinnern, die Raul Hilbergs Forschungen und der Publikation seines bahnbrechenden Werkes The Destruction of European Jews (1961, in der Bundesrepublik erst 1982) entgegenstanden.

Als Objekt von Misshandlung jederzeit verfügbar

Neuraths Innenansichten von Dachau und Buchenwald noch vor Kriegsbeginn entwerfen ein anderes Bild der Lager als jene Berichte, die auf Erfahrungen in den später eingerichteten Vernichtungslagern zurückgehen, etwa die von Primo Levi und Jean Améry. Zwar beschreibt auch Neurath detailliert all die Demütigungen und Leiden, denen er und seine Mithäftlinge ausgesetzt waren. Aber die zweifellos grausamen Umstände lassen sich doch nicht mit denen vergleichen, die ab 1941/42 in den Vernichtungsstätten herrschten.

Gleichwohl lässt sich bei den nicht zu verwischenden Unterschieden ein Faden aufweisen, der sich in allen NS-Lagertypen wiederfindet. Es ist die Kontinuität einer ganz bestimmten Ordnung des Terrors (so der Titel der systematischen Untersuchung von Wolfgang Sofsky aus dem Jahre 1993), die der Nationalsozialismus als absolutes Machtsystem etablierte. Zu dieser Ordnung gehörten die Brechung der individuellen Persönlichkeit, die totale Kontrolle von Raum und Zeit, strikte soziale Hierarchisierung und Klassifikation, schließlich das Diktat der Arbeit, sei’s als produktive, sei’s als sinnlose Verrichtung bis hin zur "Vernichtung durch Arbeit", sowie die jederzeitige Verfügbarkeit des Häftlings als Objekt von Misshandlung und Mord – "gut durchorganisierte Routine", notiert Neurath.