Am 16. April 1828 starb Goya, 82Jahre alt. Die letzten 35 Jahre seines Lebens war er stocktaub. Außerdem sah er so schlecht, dass er beim Arbeiten drei Brillen, mit Draht zusammengenestelt, übereinander setzte. Er wurde in Bordeaux, wo er im Exil lebte, begraben. Als man ihn 1888 exhumierte, um ihn nach Madrid zu überführen, fehlte der Kopf. Die Ärzte, zwei Anatomen, die ihn in den Tod begleiteten, haben ihn von der Leiche getrennt, vermutet Julia Blackburn, eine von drei Biografen, deren Goya-Bücher in diesem Herbst erschienen sind. Die Anatomen wollten in das Gehirn des Genies schauen, es messen und wiegen und in ein Verhältnis zu anderen Gehirnen setzen. Biografen tun Ähnliches.

Julia Blackburn zum Beispiel beschäftigt sich in ihrem romanartig schön gestalteten Buch mit dem tauben alten Goya. Die Engländerin, Tochter eines Dichters und einer Malerin, versucht in die Seele des Malers nach dessen Erkrankung zu schlüpfen: "Ich sehe ihn, wie er durch die Straßen einer andalusischen Stadt geht, sein Gang hat etwas Unbeholfenes." Julia Blackburn stopft sich Stöpsel in die Ohren, um seine Taubheit zu empfinden. Sie spricht im Geist mit ihm. Sie liest seine Zeichnungen, die "Caprichos" und "Disparates", als seien sie Seiten aus seinem Tagebuch. Sie destilliert aus Briefen von Zeitgenossen, aus Einrichtungen der Häuser, in denen Goya wohnte, aus medizinischen und historischen Daten das Leben eines in seinem tauben Kopf eingekerkten Mannes, der Bilder macht, um sich mitzuteilen.

Auch Robert Hughes, der berühmte, in Australien geborene Kunstschriftsteller, dessen Buch Schock der Moderne auf wunderbar unsentimentale Art die moderne Kunst erklärt, identifiziert sich mit Goya. Ein Verkehrsunfall, bei dem die Hälfte seines Körpers wie der eines Käfers zerquetscht wurde, die monatelange folterartige Genesung waren die Initialzündungen, das seit Jahrzehnten geplante Werk endlich zu beginnen. Doch anders als die Künstlertochter Blackburn interessieren ihn keine Befindlichkeiten.

Er war der erste Bildreporter der Geschichte

Hughes fragt, wieso der Spanier so herzzerreißende Bilder von der Gewalt des Krieges in seinem Land zeichnen konnte, während kein amerikanischer Künstler fähig war, die Erlebnisse des Vietnamkrieges zu schildern: "Was hatte Goya, was unseren Zeitgenossen fehlt?" Was hat den modebesessenen Sohn eines Vergolders und einer Hidalguia (niederster spanischer Adelsrang) zu dem ersten Bildreporter der Geschichte gemacht? Auf dem Weg zu einer Antwort schreibt der großartige Lehrer Hughes ein Buch voller Geschichte und Geschichten, erklärt unter der Hand die grafischen Künste (Kupferstich, Radierung, Aquatinta), definiert ein "Capricho" oder berichtet vom Guerillakampf, der damals im totalen Krieg der napoleonischen Besatzungsmacht gegen die Spanier entstanden ist. Goya, so Robert Hughes, "war der Künstler, der die Illusion erfand, vor Ort zu sein, wenn schreckliche Dinge geschehen". Er hat mit den Desastres de la Guerra die Kunstform des lebensnahen "Die-Kamera-lügt-nicht-Bildjournalismus" begründet.

Doch Goya war nicht Journalist, er war ein Künstler voller Erfindungslust und -laune, ein Fabulierer, der Hexenszenen und fliegende Hunde erfand und einen toten Truthahn so malen konnte, dass es einem die Kehle zuschnürt. Auf diesen Goya weist uns der schlanke Bildband hin, den der Prestel-Verlag herausgegeben hat. Sein Malerleben lang hat Goya Motive immer wieder abgewandelt, ein endloses Spiel, in dem er aus einem Umhang einen Felsen macht, aus dem Felsen einen Koloss, aus dem Koloss eine vermummte Nachtgestalt und aus der Nachtgestalt das anrührende Porträt eines "Milchmädchens", 1825 bis 1827. "Einige gekratzte Striche, ein schwarzer Fleck und eine weiße Linie machen eine Person, die lebt und stirbt und deren Gesicht sich für immer ins Gedächtnis eingräbt", schrieb 1838 der Schriftsteller Théophile Gautier über Goyas Bilder. Eines der etlichen Zitate, die den Bildband wie Inschriften zieren – Häppchen, die mit Lebenslauf, Biografie und ausführlichen Bildunterschriften einen Schnupperkurs zum Thema Goya liefern. Den begleitenden Essay haben die Buch-Layouter wie eine grafische Füllmenge auf die Seiten gepappt. Fragt sich, wieso der Verlag ihn in Auftrag gegeben hat. Schade.