Es bleibe immer "ein Skandal der Philosophie und allgemeinen Menschenvernunft", schreibt Kant in seiner Vorrede zur zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft, "das Dasein der Dinge außer uns bloß auf Glauben annehmen zu müssen und, wenn es jemand einfällt, es zu bezweifeln, ihm keinen genugtuenden Beweis entgegenstellen zu können." Kant war sich freilich recht sicher, das Skandalon eines fehlenden Beweises der Existenz der Außenwelt aus der Welt schaffen zu können – was jedoch nicht verhindern konnte, dass auch in den folgenden Jahrhunderten die Realisten mit den Antirealisten immer wieder im Streit gelegen haben. Kant wäre ohne Zweifel bereit gewesen, es einen ebensolchen Skandal zu nennen, die Freiheit des menschlichen Handelns auf bloßen Glauben annehmen zu müssen und kein ausreichendes Argument zur Verfügung zu haben, wenn es wieder einmal jemandem einfiele, diesen Glauben als unbegründet zu überführen.

In unseren Tagen geschieht dies alle Augenblicke. Durch die Fortschritte der Neurobiologie fühlen sich viele Wissenschaftler berufen, die Realität der Freiheit infrage zu stellen. Den Menschen als Teil der natürlichen Welt zu verstehen bedeutet für sie, sein Verhalten durch seine biologischen Anlagen determiniert zu sehen. In den kausalen Prozessen des Gehirns bleibt demnach für den Spielraum der Freiheit kein Platz. Wenn wir die Ergebnisse der Naturwissenschaften, denen wir im Besteigen von Flugzeugen und im Bestaunen von Marslandungen großes Vertrauen entgegenbringen, wirklich ernst nehmen, ist es mit der Herrlichkeit unserer Freiheit vorbei. Wir müssen anerkennen, dass wir auch in unserem bewussten und überlegten Handeln von Abläufen gesteuert sind, die nicht in unserer Hand liegen.

Auch die hartgesottensten Naturalisten aber räumen ein, dass ihnen diese Anerkennung nicht recht gelingen will. Wenn ihre Kinder Unsinn machen, werden sie ausgeschimpft, als könnten sie etwas dafür. Selbst diejenigen, die den Glauben an die Freiheit als Irrglauben entlarvt zu haben glauben, können das im Alltag nicht glauben. Die wissenschaftliche Aufklärung hat die Antinomie, die sie aufzulösen versprach, nur noch verschärft. Wir müssen uns als determiniert denken und können es nicht. Wir müssen uns als frei denken und können es ebenso wenig. Fürwahr ein Skandal der Menschenvernunft.

In der Bemerkung von Kant schwingt aber auch mit, wie sehr die Philosophen solche Skandale lieben. Denn hier werden sie gebraucht. Hier sind Lösungen gefragt, die das scheinbar Unvereinbare vereinbar, das scheinbar Undenkbare denkbar erscheinen lassen. Manchem heutigen Philosophen freilich hat es den Mut verschlagen. "Das hartnäckige Fortbestehen des traditionellen Problems der Willensfreiheit in der Philosophie scheint mir in gewisser Weise ein Skandal zu sein." So eröffnet John Searle einen Vortrag über das Problem der Willensfreiheit (in seinem neuen Buch Freiheit und Neurobiologie) und weckt damit die Erwartung, er werde uns von einer Zwangslage unseres Selbstverständnisses befreien.

Doch nichts dergleichen geschieht. Searle wendet zwei Hypothesen hin und her, die ihm beide gleich unattraktiv erscheinen. Die eine besagt, dass das Freiheitserleben durch neuronale Mechanismen hervorgerufen wird und folglich das Bewusstsein der Freiheit ein im Grunde nutzloses Epiphänomen darstellt. Zu Recht wendet Searle ein, dass es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass sich eine so komplexe und aufwändige Leistung evolutionär herausgebildet hätte, wenn sie zu nichts Bestimmtem nutze wäre.

Die andere Hypothese liegt Searle sehr viel stärker am Herzen, doch sie ist so spekulativ, dass er sie seinen Lesern nicht ernsthaft anzubieten wagt. Die für das Bewusstsein verantwortlichen Systemeigenschaften des Gehirns, so überlegt er, könnten einen Quanten-Indeterminismus aufweisen, der dafür verantwortlich sein könnte, dass wir im Augenblick unserer Entscheidungen nicht durch vorausliegende neuronale Bedingungen festgelegt sind. Wie aber die Quantenphysik der Willensfreiheit zu Hilfe kommen soll, bleibt in diesem wie in allen verwandten Vorschlägen schleierhaft. Denn frei ist eine Entscheidung nicht, wenn sie sich unberechenbar einstellt, sondern wenn sie selbstbestimmt ist: wenn sie aus eigener Abwägung getroffen wurde.

Searle steht am Ende mit leeren Händen da, weil er sich den Weg zu einer sinnvollen Antwort von Anfang an verstellt. Denn er ist der Meinung, die Erfahrung von Freiheit sei durch das angeblich jedem vertraute Gefühl einer "Lücke" geprägt, die sich zwischen dem Überlegen und dem Entscheiden auftun soll. In dieser Lücke werde die freie Entscheidung getroffen. Eine solche Lücke existiert aber nicht; ich für meinen Teil habe sie nie gespürt. Natürlich gibt es Phänomene wie Zögern, Unbehagen, Unsicherheit im Augenblick einer Entscheidung, aber alle diese Phänomene stellen eine spezifische Verbindung zwischen Zuständen vor und während der Entscheidung dar.

Searles Lücke ist eine Erfindung von Philosophen, die glauben, dass nur ein Indeterminismus die richtige Antwort auf den nackten Determinismus sein kann. Selbst wenn es diese Lücke jedoch gäbe, würde sie der Freiheit nicht helfen. Denn ihre Existenz würde bedeuten, dass zwischen unseren Gründen und unseren Entscheidungen eine Kluft besteht, die es für uns und die anderen unverständlich macht, warum wir uns so und nicht anders entschieden haben.