William Lamb, Viscount Melbourne, der Innenminister Seiner Majestät des englischen Königs, wurde von der Gastgeberin, der berühmten Londoner Gesellschaftsdame Caroline Norton, durch ihren Salon geführt und den anderen Gästen vorgestellt. Sein Blick blieb weniger an den anwesenden Parlamentariern hängen als vielmehr an einer Gestalt, die in diesem Kreis geradezu provozierend exotisch wirkte. Es war ein junger Mann mit dunklen Augen und langen schwarzen Locken, die er gelegentlich mit Fingern, an denen eine ganze Kollektion von Ringen glitzerte, lässig aus der Stirn schob. Er trug einen hohen Stehkragen, ein buntes Halstuch und eine ebenso schockfarbene Weste. Der Gentleman, so raunte Mrs. Norton Melbourne zu, sei ein aufstrebender Literat und habe überdies bereits zweimal für das Unterhaus kandidiert, wenngleich erfolglos.

Beides schien dem Viscount nicht gerade die Basis für eine Existenz nach seinen eigenen Maßstäben zu sein. "Nun", bemerkte der Minister leicht belustigt, "dann sagen Sie mir doch, was Sie werden möchten." Die Schnelligkeit der Antwort wie ihr Inhalt verschlugen Melbourne für einen Moment die Sprache: "Premierminister." Als er sich gefasst hatte, beschied Melbourne, der zu dieser Zeit selbst auf dem Weg ins wichtigste Staatsamt war, den Stutzer väterlich: "Keine Chance in unserer Zeit, es ist bereits alles arrangiert und geregelt." Selten hatte er sich so geirrt. Denn der etwas papageienhafte junge Mann, der da vor ihm stand, wurde, was er werden wollte. Er wurde Premier – einer der berühmtesten der englischen Geschichte überhaupt: Benjamin Disraeli.

Vor genau 200 Jahren, am 21. Dezember 1804, kam er in London auf die Welt, Sproß einer jüdischen Einwandererfamilie aus Italien. Der Großvater hatte mit Hüten gehandelt und ein kleines Vermögen erworben, der Vater sich schon eines gewissen Wohlstands erfreut: ein gebildeter Mann, belesen, Voltairianer, der aber so wenig wie seine jüdisch-italienische Frau Maria dem Glauben der Vorväter abschwören wollte. Erst die Kinder, Benjamin und seine vier Geschwister, wurden getauft.

Die Laufbahn als Jurist, die Disraeli zunächst einschlug, beendete er rasch. Übermächtig war der Drang zur Feder. Just auf einer Reise an den Rhein entdeckte er seine wahre Berufung: "Als ich diesen magischen Wassern stromabwärts folgte, stand für mich fest, dass ich kein Anwalt werden würde."

Zweifellos hatte der junge Mann Talent zur Literatur. Mehr jedenfalls als fürs Geld. Nachdem er sich mit Aktien von südamerikanischen Bergwerken verspekuliert hatte, versuchte der 20-Jährige sein Glück als Zeitungsverleger. Bereits nach einem halben Jahr kapitulierte eine von ihm mitbegründete Gazette vor den Realitäten des Marktes und hinterließ hohe Schulden. "Die beiden größten Stimulanzien in der Welt: Jugend und Schulden! Was wäre ich ohne meine Schulden, treue Gefährten meines Lebens, die mich niemals verlassen…" Die ironische Klage war allerdings berechtigt: Disraeli lebte in seinen jungen Jahren nur selten schuldenfrei.

Vor dem Lokal Zum Roten Löwen hält er seine erste Wahlrede

1826 erschien sein erstes Buch, Vivien Grey, ein Dandy-Roman, der später einen anderen Dandy zu seinem einzigen Roman inspirieren sollte: Oscar Wilde. 200 Pfund brachte Disraeli das Werk ein und die Aufmerksamkeit von Kritikern wie Lesern.

Der Erfolg machte ihn unternehmungslustig. Er ging auf eine Grand Tour durch Europa und den Orient, die allerdings nicht gerade fröhlich verlief. Sein Reisegefährte und prospektiver Schwager James Meredith erlag den Pocken. Disraeli selbst, stets ein Mann der Frauen, zog sich in Ägypten ein Leiden anderer Art zu und bedurfte, wie er etwas verschämt schreibt, der Therapie mit Quecksilber – damals eine gebräuchliche Arznei gegen die Syphilis.