Weihnachten ist eine heikle Angelegenheit. Vor Jahren hat die Berliner Zeitung mal einen ganzen Schwung angestammter Abonnenten im Osten der Stadt verloren, weil sie ihnen frohe Weihnachten gewünscht hatte. Die Leser, die noch in der marxistisch-leninistischen Tradition des wissenschaftlichen Atheismus aufgewachsen waren, fühlten sich verhöhnt. Es ist nämlich keineswegs so, dass Atheisten Menschen sind, die sich dem Religiösen gegenüber gleichgültig verhalten, sodass der Wunsch fröhlicher Weihnachten bei ihnen verpufft, während er den Christen erfreut. Man muss sich den Atheismus im Gegenteil als besonders kämpferische Religion vorstellen, die peinliche Rücksichtnahme verlangt. Das hat, wenn man die Weihnachtskarten der Bundestagsparteien vergleicht, niemand besser als Bündnis 90/Die Grünen begriffen. Sie haben die Formulierung gefunden: "Grün wünscht frohe Feiertage und dass uns allen ein Licht aufgeht…"

Das ist in seiner protokollarischen Ausgewogenheit genial. Man merkt doch gleich, dass die Grünen inzwischen im Außenministerium angelangt sind. "Frohe Feiertage" sind weltanschaulich garantiert neutral, und das Licht – nun, das Licht wird die Atheisten an die Aufklärung denken lassen und die anderen, die Ewiggestrigen, können sich den Stern von Bethlehem imaginieren.

Einen anderen Weg zwischen den Fronten hindurch hat die FDP beschritten. "Ihre FDP wünscht Ihnen schöne Weihnachtstage". Auch das ist nicht ohne Delikatesse. "Weihnachtstage" sind schließlich nicht Weihnachten, es sind nur Tage, die durch etwas definiert werden, das man früher einmal Weihnachten nannte. Dagegen kann der Atheist, der sich einiges auf seine Einsicht in das historisch Bedingte einbildet, nichts einwenden. Der Christ wiederum wird in den "Weihnachtstagen" einen letzten Reflex auf seinen Glauben finden können.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob dieser Restreflex noch nötig oder schon pure Verschwendung ist. Die Christen haben sich im Allgemeinen längst an frohe Feiertage gewöhnt und denken sich Weihnachten heimlich dazu. Es ist darum fehlgelenkte Liebesmüh, wenn SPD und CDU/CSU mit altmodischer Grandezza darauf beharren, "frohe Weihnachten" zu wünschen. Die Altparteien, man sieht es deutlich, sind noch nicht im Osten angekommen. Sie sollten von der PDS siegen lernen, die sich das ganze bürgerliche Weihnachten schenkt und nur noch "gute Wünsche für 2005" formuliert.

Die PDS leistet sich allerdings einen anderen, im Wortsinn kapitalen Fehler, indem sie einen Neujahrswunsch von Walther Rathenau zitiert. Der Großindustrielle und Organisator der Kriegswirtschaft als Stichwortgeber? Liebe Genossen! Das Bündnis mit den reaktionären Kräften der Gesellschaft wird nicht dadurch besser, dass diese Bündnisgenossen nicht mehr leben beziehungsweise ermordet wurden.

Die einzig bestechende Lösung hat nicht die FDP, sondern ihre Bundestagsfraktion gefunden, die einerseits "frohe Weihnachten" wünscht, aber anderseits 24 bunte Schokoladenglücksdragees dazuschenkt, die es erlauben, die Adventszeit als eine Art Techno-Party zu denken, auf der Designerdrogen das altmodische Erlösungsverlangen der Religion mühelos ersetzen. Fortschritt statt Glauben, das ist die wahrhaft angemessene Weihnachtsbotschaft der Wissensgesellschaft.