Im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle ist man einiges gewohnt. Während die Himmelsscheibe von Nebra so viele Besucher anlockt wie noch nie, vergeht kein Tag, an dem nicht eine obskure Meldung ins Haus flattert. Leute schreiben, der Opa habe die Himmelsscheibe im Keller gefunden und auf dem Flohmarkt verhökert - man möge sie doch bitte zurückschicken. Oder jemand ruft an und gesteht, die Himmelsscheibe aus dem Deckel einer Panzerluke gebastelt zu haben. Aber dass plötzlich ein Professor für Vor- und Frühgeschichte in der Presse verkündet: Die Himmelsscheibe ist eine Fälschung! - das schockiert dann doch.

Peter Schauer, Ordinarius an der Universität Regensburg, ist sich seiner Sache aber sicher. Dass die Scheibe gefälscht ist, sieht er selbst auf Fotos: Dort, die grüne Spur: Da ist Säure runtergeflossen. Mit der fabrizierte man die Patina. Auch der Stern sieht ihm höchst verdächtig aus: Die poröse, leicht erhabene Umrundung resultiere aus dem Säureauftrag mit einer Pipette: Damit es aussieht, als sei Patina über das Goldblech gewuchert. Und die Löcher am Rand der Scheibe sind dem Professor zu gleichmäßig und modern: Sie sehen aus wie mit einer Nietzange geknipst.

Ausgerechnet die Himmelsscheibe von Nebra, Deutschlands berühmtester archäologischer Fund, soll eine Fälschung sein? Was für ein Skandal! Die grüngoldene Platte wird mittlerweile ganz selbstverständlich in eine Reihe mit Ötzi, Tutanchamun und den Schätzen der Skythen gestellt. Eben erst wurde verkündet, dass nun das weltweit größte Forschungsprojekt zur Bronzezeit starte. Und Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister will zehn Millionen Euro in die Touristik der Region pumpen. Sollte die aufblühende Geschichtslandschaft im Osten wirklich auf einer Ente basieren?

Schauer ist davon überzeugt, dass ein moderner Tüftler die Himmelsscheibe aus Gold- und Bronzestücken zusammengebastelt hat: Die Analysen des Archäometallurgie-Professors Ernst Pernicka hätten ja nur ergeben, dass ihr Metall aufgrund der nicht mehr nachweisbaren Radioaktivität des Bleiisotops Pb-210 vor mehr als hundert Jahren verhüttet worden sein muss. Kein Problem für einen Gauner, an solche antiken Ingredienzen zu gelangen: Der hat vielleicht eine alte Scheibe im türkischen Antikenhandel für 50 Dollar gekauft und dann ein paar Gold- und Silbermünzen für die Auflagen eingeschmolzen. Für einen Betrug spreche aus seiner Sicht auch, dass es Aberhunderte von Funden aus der frühen Bronzezeit gebe - darunter jedoch keinen einzigen, der der Himmelsscheibe gleiche. Schauer ahnt, warum: Der Fälscher hat sich von sibirischen Schamanentrommeln inspirieren lassen. Die seien zwar mit Leder bespannt, aber wie die Scheibe mit Sonne, Mond und Sternen verziert.

Angefettet ist der ganze Fund, das steht für den Regensburger Ordinarius fest. So heißt das in Raubgräberkreisen, wenn echte Stücke mit falschen kombiniert werden. Die angeblichen Beifunde der Himmelsscheibe, Schwerter und Randleistenbeile, seien zweifellos echt, sagt Schauer. Sie brauche es schließlich, um die Scheibe auf 1600 vor Christus zu datieren. Aber im Vergleich zu den Schwertern sei die geradezu primitiv. Allein der Qualitätsunterschied in der Tauschiertechnik, mit der feinste Goldbleche auf Scheibe und Schwerter appliziert wurden, sei frappant.

In Halle ist der Hüter der Scheibe angesichts der Schauerschen Vorwürfe fassungslos. Da haut's dich um!, stammelt Harald Meller, der Museumsdirektor und Landeskonservator von Sachsen-Anhalt. Die Scheibe gehört zu den bestuntersuchten archäologischen Objekten! Wegen der Prozesse gegen die Raubgräber und die Hehler der Scheibe habe man die Echtheit des Stückes genauestens geprüft, gewissermaßen mit Kanonen auf Spatzen geschossen. 18 Naturwissenschaftler, zum Teil von Großforschungseinrichtungen wie der Bundesanstalt für Materialforschung, der Berliner Elektronenspeicherring-Gesellschaft für Synchrotronstrahlung (BESSY) oder dem Forschungszentrum Rossendorf hätten die Scheibe untersucht und keinerlei Hinweise auf ein Falsifikat gefunden. Auch unterm Großkammer-Rasterelektronenmikroskop in Grevesmühlen sei nichts Verdächtiges entdeckt worden. Selbst die Dreckkrümel auf den Fundstücken habe das brandenburgische Landeskriminalamt als solche vom Mittelberg bei Nebra identifiziert. Und welcher Museumsdirektor, seufzt Meller, gestehe es den Forschern schon zu, aus ihrem liebsten Stück einen kleinen Würfel zu schneiden, um die Bronze zu analysieren! Leider seien die Forschungsergebnisse noch nicht gesammelt publiziert. Im Sommer 2005 soll das geschehen. Alle Zweifler würden dann verstummen.

Schützenhilfe erhält die Scheibengemeinde schon jetzt von Christian-Heinrich Wunderlich, dem Archäochemiker und Leiter der Hallenser Restaurierungswerkstatt. Er räumt die Schauerschen Ketzereien beiseite: Der angebliche Säurefluss ist ein banaler Kratzer, den die Raubgräber mit einem Hammer verursachten. Die dadurch blank gelegte Bronze sei nachträglich korrodiert. Und der Stern? Die Himmelsscheibe habe diverse Umgestaltungen erfahren, erklärt der Fachmann (ZEIT Nr. 43/04). Wohl Jahrzehnte nach ihrer ersten Fertigung wurden am Rand die so genannten Horizontbögen eingepasst.