DIE ZEIT: Über das Alter spricht man wie über einen großen Verlust, Lebensverlust, Lebensrestzeitverlust, Verlust der Lebenskräfte. Was heißt Alter für Sie?

Friederike Mayröcker: Ich kann nicht sagen, dass sich etwas verändert hat. Ich fühle mich nicht alt. Und manchmal geht es sogar so weit, dass ich wieder bloßfüßig in Deinzendorf herumlaufe als Kind. Und das ist nicht die übliche Erinnerung der Erinnerung des alten Menschen, sondern die Kindheit. Es ist das Gefühl, ich fange erst an. Manchmal denke ich, mein Leben beginnt überhaupt erst.

ZEIT: Heißt das, es gibt das Kind, einen Kern in einem selbst, der sich nicht verändert?

Mayröcker: Das ist richtig.

ZEIT: Gleichzeitig müssen doch die vielen Jahresringe, die man ansetzt, eine Veränderung bewirken. Was haben die Jahre mit Ihnen gemacht?

Mayröcker: Die Jahre sind einfach vergangen. Und man weiß eben nicht, wie. Ein Jahr vergeht so rasch. Dieses Jahr ist vorüber, dann ist das nächste Jahr vorüber. Und man denkt sich dann: Wie lange wird es noch gehen? Aber ich denke nicht viel an die Vergangenheit. Ich denke an eine Mischung von Gegenwart und Zukunft. Ich habe noch sehr viel vor.

ZEIT: Wenn Sie im Kern das ewige Kind sind, gibt es dann überhaupt Lebensepochen?

Mayröcker: Da muss ich mich anstrengen, um Lebensepochen herauszufinden. Eine Epoche ist die, seit Ernst Jandl tot ist. Das ist eine Epoche, die mir sehr viel Traurigkeit gebracht hat und noch immer bringt. Das ist eine neue Art des Gefühls von Verlassenheit und eigentlich von Im-Stich-gelassen-Sein, was vielleicht hart klingt. Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich ihn auffordere: Komm und hilf.

ZEIT: Und kommt er?

Mayröcker: Nein, nicht immer.

ZEIT: Gibt es so etwas wie eine Restkommunikation über den Tod hinaus?

Mayröcker: Ja, vielleicht gibt es etwas wie eine Restkommunikation, am ehesten beim Schreiben. Wenn ich Dinge suche, und ich suche ja fast den halben Tag, dann sage ich: Wenn du wirklich irgendwo bist, dann muss ich das jetzt mit deiner Hilfe finden. Und manchmal finde ich es dann auch.

ZEIT: Sie leben beinahe Ihr ganzes Leben schon in einem Zettelgehäuse, in einem Zettelberg hier in der Zentagasse, den Sie sich selbst gebaut und nur selten verlassen haben. War das Leben im Zettelgehäuse ein Versuch, das Leben anzuhalten wie in einem endlosen Augenblick?

Mayröcker: Ein endloser Augenblick, das stimmt. Das ist die Beschreibung meines Lebens. Ein endloser Augenblick.

ZEIT: Und Ihr Papiergehäuse, dieses Papierkunstwerk, das Sie um sich geschaffen haben, welchen Sinn erfüllt es dabei?

Mayröcker: Das hat sich ergeben durch die Art des Schreibens. Hier, in Ernst Jandls alter Wohnung, in die ich nach seinem Tod gezogen bin, habe ich Inseln der Ordnung. Unten, in der alten Wohnung, gab es das nicht. Es gibt einen Korb, in dem sind Zettel für neue Gedichte. In diesem Korb suche ich herum und finde vielleicht einen Anfang für ein Gedicht. Sonst ist in meinem Schreibkammerl alles sehr verstreut. Da kommt es darauf an, dass ich wie bei einem Lotteriespiel Zettel herausziehe, die mir vielleicht etwas sagen. Das sind vielleicht Traumfetzen. Ich träume in der Nacht immer in Sätzen und in Wörtern. Ich wache dann mitten in der Nacht auf und mache Notizen, weil ich mich am Morgen an nichts mehr erinnern kann.

ZEIT: Die Zettel sind eine Wundertüte? Sie wissen selbst nicht, was da überall draufsteht?

Mayröcker: Nein, ich weiß es nicht, manchmal habe ich die Zettel auch schon verwendet.

ZEIT: Befürchten Sie nicht, unter diesen ständig wachsenden Papierbergen selbst zu verschwinden?

Mayröcker: Nein, dazu sind sie mir zu vertraut, auch wenn ich nicht weiß, was in diesen Haufen ist.

ZEIT: Alles wäre viel übersichtlicher, wenn Sie Hefte oder Ordner verwendet hätten.

Mayröcker: Nein, es mussten fliegende Blätter sein.

ZEIT: Wann hat dieser Rückzug in das Zettelgehäuse begonnen?

Mayröcker: Als ich jung war und in der Schule unterrichtet habe, hat es schon angefangen. Vormittags war ich in der Schule, mittags habe ich bei meinen Eltern gegessen, dann bin ich hierher in die Zentagasse in meine alte Wohnung gekommen, habe sofort angefangen zu arbeiten, schon in den Freistunden und in der Straßenbahn habe ich ja ununterbrochen geschrieben. Abends musste ich mich auf den nächsten Schultag vorbereiten. Sonst gab es gar nichts. An der Wiener Gruppe konnte ich nicht teilnehmen. Das hat sich ja alles nachts abgespielt. Dann, nach meiner Frühpensionierung 1969, war der Rückzug total.

ZEIT: Ein Leben wie eine mittelalterliche Nonne in ihrer Klosterzelle. Haben Sie sich vor der Welt draußen geekelt? Der Weltekel ist ja unter österreichischen Künstlern sehr verbreitet.

Mayröcker: Nein, ich habe mich nie vor der Welt geekelt. Das Draußen habe ich immer in meine Gedichte aufgenommen, besonders in den letzten Jahren sind meine Gedichte sehr welthaltig. Ich gehe auch viel raus. Ich habe das Gefühl, ich atme die ganze Welt ein. Und sie ist dann in mir drin. Mir ist sehr wichtig, mit großen Augen zu schauen, was die Welt mir bringt. Ansonsten bin ich furchtbar scheu und habe die Kommunikation mit den Menschen schon fast verloren. Ich fürchte mich, wenn ich mich nach außen stülpen muss, ja es ist wirklich ein Nach-außen-Stülpen.

ZEIT: Hatten Sie eigentlich immer dieselbe Frisur? Alle Fotos zeigen Sie mit diesen kohlrabenschwarzen Haaren, die Sie wie ein Schleier bedecken.

Mayröcker: Die Frisur hatte ich schon als Kind. Ich fühle mich geborgen unter dieser Frisur.

ZEIT: Gab es nie eine Zeit, in der Sie auch daran gedacht haben, ein herkömmliches Frauenleben zu führen, mit Familie und Kindern?

Mayröcker: Es war von Anfang an klar, dass ich das nicht will. Schon als Mädchen habe ich das gewusst. Als junge Frau war ich schon sehr empfänglich für alle erotischen Dinge, ich habe mich tausendmal verliebt. Es war alles da. Aber mit dem Beginn des richtigen Schreibens, das heißt mit dem Erscheinen von Tod und Musen, wollten Ernst und ich aufs Ganze gehen.

ZEIT: Für uns Normalmenschen sind die Wonnen des gewöhnlichen Lebens auch ein Schutz vor einer Lebensradikalität, die schwer zu ertragen ist.

Mayröcker: Wir haben ein paar Wochen lang versucht, das kleine Glück zu leben. Hier unten, in meiner winzigen Wohnung. Das war so fürchterlich für den Ernst. Da hat er sich ein Untermietzimmer genommen. Wir hatten für uns selbst einfach keinen Platz. Das war nicht auszuhalten. Trotz großer Liebe war das nicht auszuhalten.

ZEIT: Dann haben Sie über vierzig Jahre getrennt gelebt. Eine Liebe zwischen zwei Einsiedlern.

Mayröcker: Wenn er jetzt noch da wäre, würde ich gerne in einer großen gemeinsamen Wohnung mit ihm leben. Das wäre vielleicht schön. Nur hätten wir dann den Abschied noch vor uns.

ZEIT: Also doch ein wenig Reue?

Mayröcker: Nein, es war gut, dass ich es so gemacht habe. Vielleicht war ja der Hauptgrund, dass wir so lange zusammengeblieben sind, dass jeder woanders gelebt hat. In den Sommern, die wir gemeinsam auf dem Land verbracht haben, war ich so sehr mit den Gedanken bei ihm, dass ich nicht schreiben wollte. Momentweise denke ich, dass ich vielleicht etwas im Leben verpasst habe. Ich habe auch das Gefühl, zu wenig für Ernst da gewesen zu sein. Ich bin ja immer erst am Abend zu ihm gekommen. Aber ich war ja auch nicht praktischer als er. Ich kann nicht kochen. Ich stelle mich manchmal an wie ein Wickelkind.

ZEIT: Ernst Jandl und Sie sind vielleicht die einzige geglückte Dichterliebe der Literaturgeschichte, denkt man an die Tragödie zwischen Frisch und Bachmann und die eher lieblose Groteske zwischen Sartre und Beauvoir.

Mayröcker: Ernst Jandl war so ein offener Mensch. Er konnte mir die ärgsten Grobheiten sagen, und ich war glücklich darüber, weil ich wusste, das kommt von innen. Er hat mich nie angelogen. Er hat alles gesagt, was in ihm vorgegangen ist. Und trotzdem war er für mich ein großes Geheimnis. Das hat mich so an ihm fasziniert. Mit ihm konnte mir nie eine Sekunde langweilig werden. Wir haben alles ausgetauscht. Ernst hat mir alles sofort vorgelesen und hat mich aufgefordert zu kritisieren. Aber ich konnte nicht kritisieren, die Sachen waren alle so gut.

ZEIT: Was Sie im Schreiben versucht haben, die radikale Transzendierung des Lebensvordergrunds, macht Ihnen so wunderbar beinahe niemand nach. Wann und wie hat sich dieses "Denkflattern", die "Schädelfreude", das "Gehirnwunder", wie Sie es nennen, in Ihren Texten eingestellt?

Mayröcker: In den frühen sechziger Jahren hatte ich das Gefühl, ich kann so nicht mehr weiterschreiben wie in den Fünfzigern. Ich habe der Alltagssprache zunächst vertraut und mich ganz auf das Emotionale verlassen. Aber das war mir plötzlich zuwider. Ich hatte das Gefühl, ich will zu viel, und das geht alles nicht in die alten Muster hinein. Es war ein Protest in mir, ein Protest gegen meine eigene Sprache. Ich habe dann zum ersten Mal die Montagetechniken versucht, und das hat mir einen ungeheuren Sprung nach vorne ermöglicht. Im Rückblick muss ich sagen, das waren krude Montagen, ich habe buchstäblich alles montiert. Straßenaufschriften, Gespräche, Briefe, Bücher. Das war der Anfang der experimentellen Literatur. Mir konnte nichts experimentell genug sein. Ernst hat zur selben Zeit mit den Lautgedichten begonnen.

ZEIT: Sie haben gegen Ihre eigene Sprache revoltiert, gegen die Sprache, in die Sie als Kind in Kriegszeiten hineingewachsen sind?

Mayröcker: Ich habe als Kind in einer ungeheuren Fantasiewelt gelebt. Unten waren die Russen mit ihrer Gulaschkanone, und ich habe oben Klimt studiert. Ich habe mich überhaupt nicht darum geschert, wer unten in der Straße erschossen wird. Ich verstehe das heute nicht mehr.

ZEIT: Die Außenwelt war Ihnen gleichgültig?

Mayröcker: Damals war mir die Außenwelt gleichgültig, jetzt ist sie mir ganz wichtig.

ZEIT: Auf dem Weg, den Sie damals eingeschlagen haben, liegt sehr viel Unbekanntes, auch Unbegreifliches. Konventionen gibt es ja unter anderem deshalb, weil sie Schutz bieten vor der Unbegreiflichkeit des Lebens, seiner tiefen Unverständlichkeit. Die unendlichen Räume, die sich auftun, sobald man die Stellagen unserer Alltagswirklichkeit entfernt, haben schon Pascal erschaudern lassen. Kennen Sie diese Angst?

Mayröcker: Ich habe sie manchmal, dann auch wieder nicht. Aber meine Wut ist immer größer als die Angst. Meine Schreibwut. Ich habe keine Angst vor der Leere, auch nicht vor dem weißen Blatt Papier, weil ich ja rundherum meine Sachen habe. Im Augenblick bin ich zum Beispiel abhängig und angeregt von Maria Callas, ich spiele immer dieselben Stücke. Als ich Brütt geschrieben habe, war es eine bestimmte Bach-Kantate. Die Musik hilft mir sehr. Sie reißt mir das Herz auf. Jeden Tag aufs Neue, ich kann es gar nicht begreifen.

ZEIT: Wo sind Sie, wenn Sie schreiben?

Mayröcker: Es ist ein total anderer Zustand, es ist fast, wie wenn ich eine Droge nehmen würde. Ich trinke aber weder Alkohol, noch rauche ich. Es ist ein magischer Zustand. Ich rede nicht gerne darüber. Ich empfinde es beinahe als Verrat, darüber zu sprechen. Es ist auch für mich ein Geheimnis. Und wenn ich zu viel darüber spreche, kann ich nicht mehr schreiben. Das Geheimnis verflüchtigt sich. Man sollte nicht darüber nachdenken. Es kommt, oder es kommt nicht. Und meistens kommt es.

ZEIT: Und wenn es nicht kommt?

Mayröcker: Wenn ich ein, zwei Tage nicht schreiben kann, bin ich verzweifelt und fürchte, es ist aus. Dann, durch irgendetwas, einen Brief, häufig durch Lektüre, komme ich wieder hinein. Jacques Derrida hat mich sehr angeregt mit seinen literarischen Texten. Beckett hat mich sehr geprägt. Roland Barthes hat es mir angetan. Claude Simon, Marguerite Duras und Georges Bataille, besonders sein Roman Das Blau des Himmels. Das schreibe ich mir alles heraus. Wo ich nichts exzerpieren kann, lese ich auch nichts. Wie eine Lumpensammlerin notiere ich Sätze und Wörter, die ich oft auch völlig überarbeite.

ZEIT: Sind es denn Sie, ist es Ihr Ich, das da schreibt?

Mayröcker: Das Ich ist beteiligt, wenn ich die Reinschrift mache aus der ersten, zweiten oder dritten Version. Die erste Version ist ganz intuitiv, die zweite auch noch, ab der dritten, vierten kommt die eiserne Faust, die Ratio, dann wird alles Emotionale, das übergeschwappt ist, niedergeboxt.

ZEIT: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Ihnen etwas eingesagt wird? Julien Green zum Beispiel war davon überzeugt, ihm seien seine Bücher diktiert worden.

Mayröcker: Manchmal hatte ich das Gefühl. Manchmal dachte ich auch, der Ernst sagt mir etwas ein. Aber davon bin ich wieder abgekommen. Manchmal sage ich, es ist der Heilige Geist, der mich treibt.

ZEIT: Eine göttliche Kraft?

Mayröcker: Es ist ein Geist, und ein Geist ist natürlich göttlich.

ZEIT: Das hieße, dass das Schreiben eine andere Art des Gottesdienstes ist?

Mayröcker: Vielleicht ja. Es ist eine hohe Konzentration auf etwas Spirituelles. Eine Art Sehnsucht. Man möchte es näher heranziehen. In jedem Fall ist das Schreiben eine Anstrengung und eine Loslösung von der äußeren Welt. Dennoch, mit automatischem Schreiben, wie die Surrealisten es versucht haben, hat das nichts zu tun. Ich habe ja immer meine Zettel um mich herum. Sonst hätte ich nur das Gefühl des Highseins, ohne Fleisch zu haben.

ZEIT: Und woher beziehen Sie dieses Fleisch?

Mayröcker: Es sind Verbaleinfälle von der Straße, Verlesungen, Verhörungen, Stenogramme, die ich nicht mehr lesen kann und verändere, Traumreste, Gelesenes, die Malerei, ich stülpe mir Bilder in den Kopf. Ich schreibe sehr gerne über Bilder für Museumskataloge, wozu ich viel zu selten Gelegenheit habe. Ich bin immer auf Materialsuche. Wenn mich etwas anspringt, ist es immer eine große Beglückung.

ZEIT: Mir fällt es schwer, den Eigencharakter jedes Ihrer Bücher zu erkennen. Ich habe viel mehr den Eindruck, Ihr ganzes Prosawerk wäre ein zusammenhängendes poetisches Tagebuch Ihrer Existenz.

Mayröcker: Für mich ist jedes Buch abgeschlossen. Aber sobald es abgeschlossen ist, habe ich auch schon eine furchtbare Sehnsucht danach weiterzuschreiben. Ich habe Heimweh nach dem Buch. Irgendwo habe ich einmal geschrieben: "Ich sehne mich nach meinen ungeschriebenen Werken."

ZEIT: Warum erklären Sie Ihre Bücher dennoch irgendwann für abgeschlossen?

Mayröcker: Einfach, weil ich nicht mehr kann. Ich muss unterbrechen. Man kann meine Bücher als ein einziges Buch lesen, obwohl sie sich auch voneinander unterscheiden. Das neue Buch, das ich gerade beendet habe, hat keine Verwandtschaft mehr mit den vorhergehenden. Es ist entstanden, weil ich zufällig das Buch von Gertrude Stein über Pablo Picasso gelesen habe, und das hat mich so gefesselt, dass ich alles drei-, vier-, fünfmal von ihr gelesen habe. Gertrude Stein ist mein neuer Stern. Mein neues Buch heißt Narration und kommt ganz von woanders her.

ZEIT: Kann man sagen, dass Ihre Bücher immer radikaler wurden, vielleicht bis zu diesem letzten ganz anderen Buch?

Mayröcker: Der Höhepunkt war Brütt, mein zuletzt erschienenes Prosabuch. Da hatte ich eine völlige Rücksichtslosigkeit gegen mich und die literarische Welt. So etwas werde ich nicht noch einmal schreiben können. Ich möchte es gerne noch einmal vor meinem Abschied. Ein Buch schreiben, das das letzte Ganze gibt! Einmal noch so ein Buch, das überhaupt auf nichts Rücksicht nimmt!

ZEIT: Worauf haben Sie denn sonst Rücksicht genommen?

Mayröcker: Das kann man vielleicht so ausdrücken: Schönheit ist Wahrheit. Das war meine erste Vorstellung. So habe ich geschrieben. Jetzt, im Alter, habe ich den Satz umgedreht: Wahrheit ist Schönheit. Ich will ganz nah an das fast nicht mehr Mögliche heran, das ist dann Schönheit. Ich weiß nicht, ob ich das noch einmal schaffe. Im Grunde ist doch immer alles ein Geschenk.

ZEIT: Heißt das, es gibt wahre und weniger wahre Literatur, authentische und weniger authentische?

Mayröcker: Ja, so ist es. Indem man die Sprache des Dichters begreift, öffnet sich auch das Authentische. Wenn man sich verschließt, erfährt man das nicht. Meine Bücher sind authentisch, weil sie ein lebendiger Kosmos sind.

ZEIT: Ihre Wiener Kollegin, die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, macht Furore mit der Behauptung, es gebe auf der Welt nichts Authentisches mehr. Deswegen müsse sie beim Schreiben auch immer kotzen.

Mayröcker: Elfriede Jelinek hat einen anderen Lebensweg, eine andere Familie. Sie ist mir ein Rätsel. Sie schreibt ja sehr gut, ich lese Ihre Sachen gerne, sie hat einen guten Zugang zur Sprache. Aber es ist nicht wahr, dass die Sprache kaputt ist. Die Sprache ist nicht kaputt, die ist ganz lebendig.

ZEIT: Viele junge Autoren und Essayisten halten dagegen, die Sprache sei kaputt, weil wir keine echten Erfahrungen mehr machen können. Wir leben nur ein Schein-Leben und machen Schein-Erfahrungen, die uns nicht berühren. Es sei völlig unmöglich, heute noch authentische Erfahrungen zu machen.

Mayröcker: Warum soll es nicht möglich sein, Erfahrungen zu machen? Ich mache doch tagtäglich Erfahrungen. Die Welt ist so reich, und ich bin so ungeheuer neugierig auf die Welt. Da bin ich vielleicht anders als die, von denen Sie sprechen. Ich möchte so gerne noch ein bisschen leben, weil ich hinter manche Dinge noch kommen will. Man muss die kleinen Dinge anschauen. Wie einer schaut, warum er den Hut in der Hand hält. Wenn ich durch die Straßen gehe, begegnen mir immer wieder Menschen, mit denen ich so ein Mitgefühl empfinde, dass ich auf sie zugehen und ihnen helfen möchte. Dieses Verschämte, dieses Sich-Bloßstellen vor der Welt! Das berührt mich so, dass ich auf der Straße heulen könnte.

ZEIT: Könnten Sie denn helfen?

Mayröcker: Ich weiß nicht. Es sind so viele Menschen herausgetreten aus der Möglichkeit, überhaupt an etwas anderes als an die Realität zu glauben. Es sind so viele Menschen verarmt.

ZEIT: Sie haben Ihr Leben in Wien verbracht. In Wien gab es im vorigen Jahrhundert eine weibliche Sprachmacht, Bachmann, Jelinek, Mayröcker, wie nie zuvor in der deutschsprachigen Literatur. Verdankt sich das noch der alten Habsburger Kulturhauptstadt? Ich finde, dass es in der deutschsprachigen Literatur bis heute ein Habsburger-Deutsch und ein Preußisch-Deutsch gibt.

Mayröcker: Ich habe mich nie für Austriazismen interessiert. Dennoch kann ich nur in Wien schreiben, nirgends sonst. Nicht mal in einem anderen Wiener Bezirk. Könnte ich die Zeit noch einmal vierzig, fünfzig Jahre zurückschrauben, würde ich es vielleicht wagen, in den achten Bezirk zu ziehen. Aber das ist schon alles. Ich muss hier ausharren.

ZEIT: Wien hat eine ausgeprägte Leidenskultur.

Mayröcker: Ich bin zwar oft melancholisch, aber ich bin gerne da. Ich freue mich jeden Morgen, dass ich wieder aufwache.

ZEIT:Hans Arp hat einmal geschrieben: "Einstmals war der Sinn des Lebens, sich auf den Tod vorzubereiten." Haben Sie sich vorbereitet?

Mayröcker: Ich hasse den Tod. Ich weiß, dass ich knapp vor diesem Tor stehe. Mit achtzig muss man immer damit rechnen. Das ist eine so furchtbare Vorstellung. Ich kann es mit nichts vergleichen, eine strangulierende Vorstellung. Bald wird man nicht mehr alles erfahren können, was man gerne noch erfahren möchte. Wohin kommt das alles, was man gedacht hat? Was man empfunden und gemacht hat? Und auch der Gedanke, dass die Welt weitergeht. Wenn ich tot bin, geht die Welt genauso weiter wie an den Tagen, wo ich noch lebte. Das ist eine Unbegreiflichkeit. Eine Benachteiligung! Man möchte doch erfahren, wie es weitergeht. Und man wird abgeschnitten davon und weiß nicht, ob es weitergeht, wie es weitergeht. Es ist einfach aus.

ZEIT: Einfach aus?

Mayröcker: Nach dem Tod von Ernst Jandl habe ich ein Medium befragt. Dieses Medium hat gesagt, Ernst Jandl sei gut aufgehoben. Aber dann bin ich skeptisch geworden, als er in dem Gespräch mit dem Medium angeblich Friederike zu mir gesagt haben soll. Er hat nie Friederike zu mir gesagt. Das Medium wollte mich nur trösten. Die Wahrheit ist: Er ist weg, ganz weg. Und wir haben uns nicht einmal verabschieden können, es ging alles zu schnell. Ich hoffe, dass ich nicht von einem Augenblick zum anderen sterbe. Ich möchte mich auf das Sterben vorbereiten. Mit meinen liebsten Menschen sprechen. Aber ob einem das vergönnt ist, weiß man nicht. Man müsste wenigstens zweihundert Jahre alt werden. Manche Pflanzen werden so alt.

ZEIT: Nach zweihundert Jahren hätte sich das Leben erfüllt?

Mayröcker: Ja. Man braucht so viel Zeit. Ich würde das Leben aufteilen. In einem Leben würde ich nur lesen, in einem nur schreiben und in einem nur reisen. Dann brauchte ich noch eines, um mehrere Sprachen zu erlernen. Vielleicht wird man das in ein paar hundert Jahren können, vielleicht werden die Menschen sogar unsterblich. Das würde ich mir wünschen. Man könnte sich alles so schön einteilen.

ZEIT: Gibt es etwas, das sich in Ihrem Leben noch nicht erfüllt hat?

Mayröcker: Es hat sich eigentlich alles erfüllt.

Das Gespräch führte Iris Radisch

Friederike Mayröcker . Geboren am 20. Dezember 1924 in Wien. Bis zum 11. Lebensjahr verbringt sie ihre Sommer in Deinzendorf im Weinviertel, seit den vierziger Jahren lebt sie in Wien in der Zentagasse in einer winzigen Wohnung, von 1946 bis 1969 ist sie Englischlehrerin in Wien, 1954 lernt sie Ernst Jandl kennen, dem sie bis zu seinem Tod im Juni 2000 eng verbunden bleibt. Ihr Werkverzeichnis umfasst über achtzig Titel, unter anderem "Magische Blätter", "Das Herzzerreißende der Dinge", "mein Herz mein Zimmer mein Name", "Stilleben", "Lection", "brütt oder die seufzenden Gärten", "Requiem für Ernst Jandl". Zum Geburtstag sind ihre "Gesammelten Gedichte", ergänzt um viele neue, erschienen (alle bei Suhrkamp).