Einem Klischee zufolge ist Deutschland ein ungeheuer sauberes Land. Einem zweiten Klischee zufolge wird es fast ausschließlich von Polinnen sauber gehalten. Das zweite Klischee stimmt. Ich habe es am eigenen Leibe erfahren, denn ich bin der Sohn einer polnischen Putzfrau, der Neffe putzender polnischer Tanten. Die ersten Schritte im ersehnten Wirtschaftswunderland wurden von polnischen Frauen auf Knien gemacht: Sie wischten und polierten, sie drangen mit ihren Händen in die dunklen, in die dreckigen Ecken der Republik. Dem Armenhaus Polens entkommen, putzten sich Polinnen einen tief ersehnten Wohlstand herbei.

Der Mythos der polnischen Putzfrau, der tief in das bundesrepublikanische Bewusstsein drang, hat einen wahren Kern: Seit Ende der siebziger Jahre kamen über eine Million polnische Aussiedler und Asylbewerber nach Deutschland. Manche, wie meine Familie, zog es in den tiefsten Westen: 1981 ließen wir uns in Koblenz nieder. Und seit unserer Ankunft ist Koblenz ein gutes Stück sauberer geworden, denn seither rückt meine Mutter mit Putzlappen, Glasreinigern und Wischmops der rheinischen Provinzstadt zuleibe: "Gerade in den ersten Jahren habe ich geputzt bis zum Umfallen. Es gab Zeiten, da hatte ich drei Putzstellen – auf einmal." Morgens um halb fünf bohnerte und wienerte sie den Boden eines bekannten Papiertaschentuchherstellers. "Bis die letzte Ecke glänzte", sagt sie nicht ohne Stolz. Dann eilte sie "im Galopp" nach Hause, um "euch Kinder zur Schule fertig zu machen". Auf dem frühmorgendlichen Nachhauseweg, so gegen sieben, ging sie im Schlepptau mit zehn anderen Putzfrauen durchs "Kreuzchen". Kreuzchen, eine Wohnblocksiedlung aus den Sechzigern in Koblenz-Neuendorf, ist das Synonym für jene "Parallelgesellschaft", von der zurzeit so gerne die Rede ist. Türken basteln bis spät in die Nacht an tiefer gelegten Golfs, russlanddeutsche Halbstarke in Jogginganzügen spucken im Takt auf kotige Gehsteige, verwaiste Einkaufswagen hängen in den Büschen. Die Putzkolonne passierte allmorgendlich ein Schwerbehindertenwohnheim. Die Mongoloiden riefen ihnen frühmorgens schrill im Chor entgegen: "Die Putzfrauen sind da! Die Putzfrauen sind da!", und pressten ihre Köpfe durch die Gitterstäbe des Eisenzauns.

Das Gesicht eines Mädchens, die Hände einer Greisin

Zu Hause, am Rande des Kreuzchens, angekommen, wurden mein Ranzen und der meines Bruders mit Pausenbrotstullen gefüllt. Wir gingen zur Grundschule, meine Mutter ging zu den Wagners. Ein guter Job: von 9 bis 13 Uhr. "Er war Rechtsanwalt und erfolgreich. Sie Lehrerin. Zum Putzen hatten sie keine Zeit." Zum Bügeln auch nicht, weder zum Spülen noch zum Kochen. Als es dampfte und brodelte, die Wäsche in der Maschine rotierte und das Bad in aseptischem Glanz erstrahlte, kehrte eine zumeist gut gelaunte Pädagogin in ihr von Allzweckreiniger- und Küchengeruch erfülltes Eigenheim zurück. "Auftischen musste sie noch selbst. Denn ich rannte wieder nach Hause", sagt Mutter mit einem rollenden "r": "Ich rrrannte wieder im Galopp." Nachmittags dampfte und brodelte es in ihrer eigenen Wohnung. Bis abends Vater, der Maschinenbautechniker, verschwitzt ins Wohnzimmer trat. Um zu essen, manchmal Piroggen, manchmal Borschtsch, um zu duschen, um uns Söhne vor den Fernseher oder ihre Hausaufgaben zu setzen; und um sich gegen acht mit seiner Frau zur dritten Putzstelle auf den Weg zu machen: einem Friseursalon. Während unsere Eltern putzten, wurde ich mit meinem Bruder vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen prächtig versorgt.

Meine Eltern liefen in Deutschland einem ehrwürdigen Traum der Aufklärung hinterher. Durch Leistung, nicht durch die Macht der Geburt galt es, eine kapitalistische Identität zu stiften, die aus dem gesellschaftlichen Nichts entsprang und zur höchsten Anerkennung vordrang. Durch Fleiß, durch Arbeitskraft, durch drei Putzstellen an einem Tag wollte man es ihnen zeigen. Wollte man es allen zeigen. Denen, die der Wohlfahrtsstaat leidlich verpflegte; denen, die sich auf einem bundesrepublikanischen Erbe ausruhten; denen, die sich entspannten auf dem bisher Erreichten. Der Putzfrauenstolz, dessen man sich bei Besuchen in der alten Heimat schämte und den man dort sorgsam verbarg, entsprang der Entbehrung, dem Geiz, der Genussangst. "Wir gehen nicht wie die Deutschen essen und verprassen an einem Abend 50 Mark", trichterte mein Vater mir ein. Immer wieder. Noch heute kennt er, wie die meisten polnischen Immigranten, keine Deutschen. Weil er jede Eckkneipe verschmäht. Noch heute kennen die Polen nicht diejenigen, denen sie es zeigen wollten.

Es ist Sonntagabend. Novemberregen. Mein Vater steht hinter meiner Mutter in der Küche. Er schlürft gemächlich einen Kaffee. Seine Füße stecken in dicken Puschen. Ein kleiner Bauch zeugt von gemütlichen Bieren vor dem Flachbildschirm-Fernseher, den er beiläufig ins Visier nimmt. "Ich habe ja Abitur", sagt er etwas abwesend. Immer habe er sich gesagt, er sei der einzige Mann mit Abitur in diesem Land, der putze. Seine Frau legt kurz die faltigen Hände übereinander. Hände, die seit fast 24 Jahren unzählige Eimer mit Reinigungsmittel trugen, die energisch Putzlappen auswrangen und die tagein, tagaus tief in fremde Kloschüsseln drangen. Sie ist 54 Jahre alt und hat noch immer ein junges, ein mädchenhaftes Gesicht. Wären da nicht die Greisenhände. "Von dem scharfen Zeug", sagt sie. "Aber ich habe Glück gehabt." Die meisten hätten, erklärt sie, indem sie auf ihr linkes Handgelenk zeigt, irgendwann chronische Sehnenscheidenentzündungen. Vom Auswringen. "Die polnische Putzfrau erkennt man an ihren Operationsnarben." Sie selbst kann seit kurzem nur noch wenige Stunden in der Woche putzen. Abends im Friseursalon, übermüdet von einem endlosen Tag, ist sie auf dem feuchten Fußboden ausgerutscht. Bandscheibenvorfall. Karriereknick. Dennoch ist vieles einfacher geworden. "Die Arbeit ist nicht mehr so körperlich." Mit elektronischem Hochdruckbohnern werden die Gelenke geschont, so genannte Multisauger sprühen, waschen und saugen neuerdings in einem Arbeitsgang.

Drei Stellen gleichzeitig – um es allen zu zeigen

Die Wohnung meiner Eltern ist blank poliert; als beschäftigten sie selbst eine Putzkolonne. Die Möbel, helle Kiefer, scheinen Besuchern erst in allerjüngster Zeit sorgsam aus einem Einrichtungshaus erworben. Keine Fernsehzeitung liegt auf dem Sofatisch, kein Kissen stört die akkurate Symmetrie der weißen Sitzcouch-Gruppe; Ordnung ist hier das ganze Leben. Mutter steht langsam auf, wendet mir in der Küche den Rücken zu. "Ein Knopfdruck genügt heutzutage", sagt sie, als eine chromfarbene Espressomaschine unvermittelt mit einem surrenden Geräusch heißen Kaffee spendet. "Am Anfang, da hab ich mich geschämt. Am Anfang, als wir in ein kleines Sechsparteienhaus zogen, da habe ich das Putzen verheimlicht. Es war ja so: In Polen als Polin zu putzen, das war der letzte Dreck. So wie es der letzte Dreck ist, wenn Deutsche in Deutschland putzen. Ich habe das auch in Polen verheimlicht. Wir wurden ja ein bisschen reich durch das Putzen, und die Polen hatten damals in ihrem Land nichts zu essen. Aber wenn ich zu Besuch war, hab ich nichts gesagt. In Deutschland hat man sich dann schnell daran gewöhnt, kam ja viel Geld in die Kasse. Aber ich hab auch hier immer geguckt, dass mich keiner sieht. Ich hatte mal eine Putzstelle in der Löhrstraße, in der Fußgängerzone, mitten in der Stadt. In einem Schuhladen. Die Leute, die gingen zur Arbeit, und gerade montagmorgens, da war dann vor dem Laden die Kotze und manchmal dann Hundescheiße und manchmal beides. Und einmal war ich das am Wegmachen, als die Mutter von einem Schulfreund deines Bruders vorbeikam. Die hat mich dann gesehen."