Eineinhalb Jahre Folter – so beschrieb Verkehrsminister Manfred Stolpe das schier endlose Warten auf die Maut. Am 1. Januar wird die Plage ein Ende haben. Dann müssen auf deutschen Autobahnen Lastwagen mit mehr als zwölf Tonnen Gesamtgewicht eine Gebühr zahlen. Und dank Toll Collect soll das voll automatisch geschehen, von der Erfassung des Fahrzeugs bis zur Abrechnung. Das System, das eigentlich schon seit 16 Monaten arbeiten sollte, wurde jetzt gründlich getestet. Offensichtlich spricht alles dafür, dass es endlich gestartet werden kann.Es ist auch allerhöchste Zeit, dass die schier endlose Geschichte ein gutes Ende nimmt. Bis auf die Knochen haben sich die beiden Hauptpromotoren von Toll Collect, DaimlerChrysler und Deutsche Telekom, blamiert. Sie versprachen vollmundig, was sie nicht annähernd halten konnten. Sie waren entgegen ihrer eingegangenen Verpflichtung unfähig, die neue Technik zu bewältigen. Die gewiss komplizierte Koordinierung des Produktionsprozesses nahmen sie viel zu lange überhaupt nicht ernst. Sie verweigerten lange jede Kommunikation über den Stand der Entwicklung. Die Toll Collect Story wird sicher als Beispiel für ein in seinen Ausmaßen schwer verständliches Missmanagement in die deutsche Industriegeschichte eingehen.Auf der anderen Seite hat sich auch die Bundesregierung als Auftraggeber nicht mit Ruhm bekleckert. Die Verträge wurden schlampig ausgehandelt – eindeutig zum Schaden der Regierung. Die verließ sich zudem gutgläubig darauf, dass die Hersteller schon pünktlich liefern würden. Erst als es zu spät war, durften die Hersteller des Systems nicht mehr unbeobachtet vor sich hinwerkeln. Bis zur Vertragskündigung mit anschließendem Neuabschluss eskalierte der Streit zwischen Verkehrsminister und Maut-Konsortium. Jetzt versucht Manfred Stolpe, in einem Schiedsgerichtsverfahren mehr als vier Milliarden Euro Schadenersatz gegen das Maut-Konsortium durchzusetzen.Für die Devise "Schwamm drüber" gibt es keinen Anlass. Aber es ist auch wenig sinnvoll, die alten Geschichten ständig neu aufzuwärmen. Wenn Toll Collect tatsächlich reibungslos funktioniert, dann ist das die modernste, innovativste Form der Mauterhebung weltweit. Es gibt einen großen Markt für dieses Produkt, Interessenten (vor allem aus den Nachbarländern) haben sich angeblich schon gemeldet. Ein gutes Exportgeschäft mit der elektronischen Maut könnte helfen, das System Toll Collect trotz der Startschwierigkeiten zum einträglichen Geschäft zu machen. Das ist nun wirklich keine Illusion.Übrigens: In manchen Zeitungsredaktionen geht die Angst um. Wenn Toll Collect von ein paar Kinderkrankheiten abgesehen funktioniert, dann gehen die beliebten Katastrophenmeldungen und Negativschlagzeilen verloren. Bricht dann auch Hartz IV nicht gleich beim Start in sich zusammen, brechen harte Zeiten für Miesmacher an. Gleich zwei Megaprojekte der Bundesregierung, die nicht total fehlschlagen – es ist nicht auszudenken.