Mit 16 träumte ich davon, als Kapitän zur See zu fahren. Und das, obwohl ich wasserscheu war. Ich wollte zur See fahren, die große weite Welt sehen, auf der Brücke meines Schiffe stehen, meine Mütze schwenken und meine Mannschaft in neue Welten führen. Ich sprach mit meinem Vater darüber, ich hatte geglaubt, er würde für meinen Traum offene Ohren haben. Doch das abendliche Gespräch währte nur einige Minuten. Er sagte zu mir: "Lass uns nach deinem Abitur darüber reden." Da ich damals noch relativ folgsam war, träumte ich daraufhin nur von diesem Plan, statt ihn in die Tat umzusetzen.

Heute träume ich diesen Traum noch immer, ich stehe vor dem Hauptmast meines Dreimasters und zeige anderen, wohin die Reise geht.

Ich habe mir eine Besatzung zusammengestellt, die solidarisch, kämpferisch, begeisterungsfähig und kreativ ist. Mit ihr gemeinsam habe ich das Schiff gebaut. Wir taufen es auf den Namen Freiheit.

Das gemeinsame Bauen führt dazu, dass sich meine Mannschaft mit diesem Schiff identifiziert. Im Laufe dieses Prozesses stelle ich fest, bei welchen Gelegenheiten meine Männer Krach miteinander bekommen, wie sie sich dabei verhalten und wie ich schlichten kann. Auf hoher See kann man seine Mannschaft nicht austauschen. Stürme, Einsamkeit, Sehnsüchte, Verlangen und Launenhaftigkeit führen zu Konflikten, die ich entschärfen können muss. Einen Betriebsrat gibt es auf der Freiheit nicht. Löse ich Probleme nicht allein, entscheidet das Team. Es gibt auch keine Stempeluhren oder Schichtpläne. Ich lasse die Mannschaft entscheiden, wie sie am besten mit dem Rund-um-die-Uhr-Job klarkommt. Jeder weiß: Auf hoher See gibt es keinen Hafen.

Das Segelschiff meiner Träume transportiert keine Frachten, sondern ist aufgebrochen, um ein bestimmtes Land zu finden, in dem ich die Wirtschaft der Zukunft vermute. Das weiß auch meine Besatzung, die sogar Geld mitbringen musste, damit wir diesen Traum umsetzen können. Lohn bekommt niemand auf dieser Fahrt. Der Lohn ist die Ankunft am Ziel.

Um ein guter Kapitän zu werden, braucht man zunächst Misserfolge, an denen man wachsen kann. So wie auch Manager möglichst früh Misserfolge erleben müssen. Sonst stürzen sie irgendwann ganz dramatisch ab. Die Stürme bringen mir Demut gegenüber der Natur bei, denn sie kann mich voranbringen, aber auch vernichten. Ich merke, wie sehr ich mein Team brauche, da ich das Schiff durch die Gischt der hohen Wellen nicht allein steuern kann.

An Bord meines Traumseglers erwartet niemand, dass ich dort schlafe, wo die Mannschaft schläft. Ich tue es dennoch gelegentlich, weil ich wissen will: Wie lebt meine Mannschaft? Wie kommuniziert sie? Lebt man seinen Mitarbeitern als Chef ganz bestimmte Werte vor, nehmen die einem nicht übel, dass man viel verdient. Gefühle wie "Der ist für uns da", "Der steht für uns ein", "Der teilt mit uns", "Der ist verlässlich", "Der respektiert uns" sind wichtige arbeitspsychologische Voraussetzungen. Sieht eine Mannschaft, dass der Chef im kantschen Sinne so lebt, dass man es morgen zum Gesetz machen könnte, bekommt er allen Respekt.

Dennoch kommt es auf meinem Schiff zu einer Meuterei – eine Erfahrung, die ich außerhalb meiner Träume mehrmals gemacht habe. Aber es funktioniert auch dieses Mal nicht. Der Meuterer bringt die Mannschaft nicht hinter sich. Mir gelingt es, die Männer davon zu überzeugen, dass meine Entscheidungen der Sache dienen und nicht meinen eigenen Launen.