Das Politdrama um David Blunkett hat mit dem Rücktritt des Innenministers seinen vorläufigen Abschluss gefunden. Vorläufig deshalb, weil die Art seines Abgangs wie die Schwere des Vergehens heute schon die Möglichkeit einer Rückkehr ins Kabinett möglich machen. Immer vorausgesetzt, dass Labour die nächste Wahl gewinnt. Tony Blair will sie am 5. Mai 2005 über die Bühne gehen lassen. Der britische Premier besitzt das Privileg, den Wahltermin innerhalb einer fünfjährigen Legislaturperiode selbst bestimmen zu können, wobei er den Termin offiziell erst vier Wochen vorher öffentlich bekannt zu machen hat.

Der Verlust seines Innenministers ist ein schwerer Schlag für Tony Blair. Blunkett war eine der drei Säulen, auf denen das New Labour Projekt ruhte, und er war der wichtigste Verbündete des Regierungschefs. Unbedingt loyal und absolut zuverlässig stellte Blunkett im Kabinett die Gegenmacht dar gegen den Blair-Rivalen und Schatzkanzler Gordon Brown.

Vor allem aber teilte der blinde Politiker die gesellschaftspolitischen Überzeugungen Tony Blairs. So focht Blunkett für die „Remoralisierung“ der Gesellschaft, die sonst immer weiter aus den Fugen geriete. Im Mittelpunkt seiner politischen Philosophie steht der „citizen“, der gute Bürger, der sich der Notwendigkeit der Balance von Rechten und Pflichten bewusst ist und entsprechend handelt. Blunkett hat das Prinzip der Balance von Ansprüchen und Rechten auch auf Einwanderer und Asylanten ausgedehnt. Er führte obligatorische Sprachtests wie die feierliche Zeremonie für neue Bürger ein, die dabei einen Eid auf Verfassung, demokratische Regeln und britisches Rechtssystem ablegen.

Blunkett versteht Sicherheit auch als Bürgerrecht, gleich, ob es sich um Sicherheit vor Terror oder vor Kriminellen handelt. Nur wenn dieses Bedürfnis erfüllt werde, würden die Menschen sich der Gesellschaft gegenüber verpflichtet fühlen. Das hielt er seinen zahlreichen Kritikern aus dem linksliberalen Milieu und dem Berufstand der Anwälte entgegen, mit denen er häufig in bitteren Konflikt geriet. Für linksliberale Kreise, ob in Politik oder Medien, war Blunkett der Buhmann in der Regierung. Regelmäßig wurde er als autoritärer Knochen attackiert, als jener Minister, der mit Vorliebe wenig liberale Gesetze durchpaukt. So setzte er nach dem 11.9. 2001 ein Antiterrorgesetz durch, das es ermöglicht, des Terrorismus verdächtigte Ausländer ohne Prozess auf unbegrenzte Zeit in Haft zu bleiben, es sei denn die Betroffenen würden freiwillig in ein anderes Land gehen. Am Freitag wurde dieses Gesetz vom obersten Gericht, den Law Lords, für verfassungswidrig erklärt. Der neue Innenminister Charles Clarke muss nun die jursitische Suppe auslöffeln, die ihm Blunketts Gesetz eingebrockt hat. Auch ist Blunkett der Mann der Asbos, der Antisocial Behaviour Orders, die gegen unkontrollierbare Jugendliche, notorische Ruhestörer und die vielen Familien in Sozialsiedlungen verhängt werden können, die durch Dauerlärm oder Agression das Leben ihrer Nachbarn zur Hölle machen. Blunketts jüngstes, hart umkämpftes Projekt ist die Absicht, auch in Großbritannien einzuführen, was in Deutschland und anderswo uaf dem Kontinent selbstverständlich ist, nämlich eine ID Card, den Personalausweis samt Meldepflicht. Sein Nachfolger wird diesem kontroversen Projekt nun über die politischen Klippen helfen müssen.

Als Minister war Blunkett für Blair auch deshalb so wichtig, weil er mit proletarischen Hintergrund und klarer Sprache die Arbeiterklasse zu erreichen vermag und er weiß, wovon er spricht. Die soziale Realität in den verwahrlosten Vierteln am Rande der Industriestädte, geplagt von Vandalismus, Graffiti, herumstreunenden Jugendbanden und Überfällen auf alte Menschen kennt er aus eigener Anschauung. Anders als viele seiner Kritiker aus dem bürgerlichen Milieu, die er gerne als Champagnersozialisten verspottet und die in ihren „leafy suburbs“, in den schattigen Vororten fernab des harschen Alltags lebten. Den „Hampstead Liberals“ galt seine besondere Verachtung. Sie zahlten es ihm heim mit permanenten Attacken auf seine Innenpolitik. Und diese Kreise und ihre Gazetten, allen voran der Independent, aber auch der Guardian, sind es nun, die einen Seufzer der Erleichterung ausstoßen über seinen Abgang.

Vor allem eines predigte Blunkett: Armut und schwierige Lebensverhältnisse stellten keine Entschuldigung dar, sich der persönlichen Verantwortung für das eigene Verhalten zu entziehen. Dieses unbedingte Pflichtgefühl war es, das ihn letztlich zum Rücktritt trieb. Das hat dem Drama der vergangenen Wochen eine tragische Note verliehen und brachte ihm bei einem Gutteil der Medien eine bemerkenswert freundliche Behandlung ein. Seine Affäre mit Kimberley Quinn, einer verheirateten Amerikanerin, war im Sommer nach drei Jahren gegen seinen Wunsch auseinander gebrochen. Seither hatte Blunkett gerichtliche Schritte eingeleitet, um Zugang zu dem Sohn zu erhalten, den Kimberley Quinn vor 2 Jahren zur Welt brachte. Sie hatte nach der Rückkehr zu ihrem Ehemann das Besuchsrecht verweigert. Blunketts gerichtlichen Schritt beantwortete sie mit einer Kampagne gezielter Enthüllungen, die ihn politisch erledigen sollten. Sie ließ über Freunde an konservative Blätter heraussickern, dass der Innenminister ihr zu einem Visum ihres philippinischen Kindermädchens verholfen habe. Blunkett bestritt schuldhaftes Verhalten, beraumte zugleich eine unabhängige Untersuchung an. Dann tauchte eine Email eines seiner Beamten auf, der offenbar ohne das Wissen seines Ministers zu dem Antrag „no favours“ anmerkte, keine Vorzugsbehandlung, nur etwas schneller. Als das ruchbar wurde nahm Blunkett sofort seinen Hut. Dieser schnelle Rücktritt brachte ihm viel Sympathie ein. Er hätte sich, wie oft in der Vergangenheit geschehen, hinter seinen Beamten zurückziehen können. Die Sun, größtes Massenblatt des Landes, titelte „Zerstört von der Frau, die er liebte“.

Bei seiner eigenen Partei allerdings hegten viele unfreundliche Gefühle für den Minister. Nicht nur fanden sie die Intensität befremdlich, mit der er seinen Anspruch auf Kontakt verfolgte, ohne Rücksicht auf den delikaten politischen Kalender. Verärgert waren viele Kabinettskollegen über den unerhörten Freimut, mit dem er seinem Biographen Abfälliges über Ministerkollegen aufs Tonband sprach. Jack Straw, heute Außenminister, habe „Chaos“ hinterlassen im Innenministerium, Charles Clarke, der ihm nun als Innenminister beerbte, sei „soft“ geworden im Amt, Patricia Hewitt, Handels- und Industrieministerin, könne „nicht strategisch denken“ und Blair möge „keinen Widerspruch“. Starker Tobak also, woraufhin ihn Vizepremier John Prescott öffentlich „arrogant“ nannte.